Immer an Weiberfastnacht merke ich, dass Rheinland-Pfalz aus dem Rheinland und der Pfalz besteht. Ich bin in Andernach aufgewachsen, ziemlich im Norden von Rheinland-Pfalz, für die Wachenheimer FWG also ein ganz, ganz Fremder. Karnevalistisch ist Andernach sehr von Köln geprägt, am Donnerstag vor Rosenmontag bestimmt daher die Weiberfasnacht das öffentliche Leben. In den Schulen ist an ernsthaften Unterricht nicht zu denken, wer bei einem Amt anruft, erntet Sprüche und Gelächter, wenn überhaupt jemand ran geht. Die Kneipen sind ab morgens um 11 voll, die Kundschaft wenig später. Abgesehen vom zwanghaften Druckbetanken der Jugend ist die Atmosphäre meist locker.

Etwa so, wie hier bei den Weinfesten. Das wiederum können die Rheinländer nicht. Karneval in der Pfalz wirkt dagegen auf mich so spontan wie der Wiener Opernball. Nicht so in Wachenheim natürlich. Hier gibt es Kappensitzungen das ganze Jahr und die Qualität ist so hoch, dass letztlich auch der lokale Frohsinnsverein, die Stoppezieher, kapitulierten und die Selbstauflösung beschlossen. Wie soll ein Verein einen Saal füllen, wenn die Leute alle paar Wochen karnevalistische Perlen geboten bekommen.

Auch unter dem neuen Sitzungspräsidenten Bechtel gehen den Narren die Einfälle nicht aus. Da ist zum Beispiel das Duo „Die Duellanten“, die sich auch in dieser Session, die man hier auch Legislaturperiode nennt, ihre traditionellen Wortgefechte ohne Raumgewinn liefern. Auch der „Ewige Schweiger“ schweigt weiter, konterkariert vom „Eloquenten Vielbabbler“.  „Der Professor“ bringt die weite Welt ins Spiel, „Der Detaillist“ findet das Haar in jeder Suppe. Wen wundert es, dass bei so viel komödiantischen Urgestein der Nachwuchs eher verhalten vom Recht auf eigenen Redebeiträge Gebrauch macht. Atmosphärisch könnte die ein oder andere Sitzung auch als Stunk-Sitzung bezeichnet werden, der Name ist aber schon vergeben. Zwar beschränkt sich der neue Sitzungspräsident auf die Moderation und legendäre Nummer wie „Die Matrix“ oder „Die vorgezogene Bürgerbeteiligung“ gab es nun schon seit einer Weile nicht mehr. Wenn es aber fürs Publikum der Wachenheimer Kappensitzungen außer erstklassiger Unterhaltung auch noch Wein und Salzstängchen gäbe, könnte „Mainz wie es singt und lacht“ sich schon mal von seinem Sendeplatz verabschieden.

Und so ist auch der Rheinländer mit dem hiesigen Fasching der lokalen Ausprägung versöhnt und kann auf spontanen Straßenkarneval und Bützchen verzichten.

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