Hallo anderes Leben!

Es war vor zwei Jahren auf den Tag, als du anfingst dich langsam zu verabschieden. Wobei langsam relativ zu betrachten ist. Du hast dir schon einen Abschied mit  Tragik und einer dramatischen Note gewählt, die ich so von dir bis dato nicht kannte, aber jetzt kann ich zumindest sagen, dass ich ein Mensch geworden bin, dem nichts menschliches fremd scheint.

Diese letzte Umarmung, da haben wir uns nochmal so richtig Zeit genommen. Innig und bittersüss, voller Zärtlichkeit und Liebe, da wir gleich wussten, irgendwo im Innern, dass es ein Abschied für immer war. Logisch, man will es, wenn es soweit ist, nicht wahrhaben, oder kann es vielleicht auch nicht und wir haben verzweifelt gemeinsam umeinander gekämpft. Um uns und um die anderen kleinen Leben, die wir schon in die Endlichkeit gesetzt haben. Ich wollte mit aller Macht das halten, was du mir gegeben hast. Und doch warst du, wie immer konsequenter als ich. Als du merktest, dass du mir all die Kraft gegeben hattest, die dir innewohnte und ich bereit war, hast du mir dein Herz gegeben. Ich habe das gespürt während ich dich umarmte, da es bei dir aufhörte zu schlagen und mein Herzschlag wurde stärker. Musste er ja auch, denn ich muss ja jetzt viele Dinge, die Du mir gabst, mein liebes Leben, alleine machen. Und ich muss deinen Auftrag erfüllen und darf das Vertrauen, das du mit deinem Abschied in mich gesetzt hast, nicht enttäuschen.

Weisst du, ich glaube ich bin auf einem guten Weg, auch wenn der sehr steil und steinig ist. Und mit den kleinen Leben auf den Schultern den Berg hochzugehen, geht ganz schön in die Beine. So sehr, dass ich manchmal richtig in die Knie gehe. Dann brennen meine Muskeln und die Schritte werden schwer und die Kraft unserer beider Herzen scheint nicht auszureichen.

Da du mir aber viel zutraust, hast du ja nicht nur Herz und Vertrauen gegeben. Sondern du hast in deiner Weitsicht dafür gesorgt, dass noch ein anderes Leben dazugekommen ist. Ein reines Leben, so wie du eines warst. Eines das ein Leuchten in sich trägt, eines das dir so ähnlich ist, und doch so verschieden wie es nur möglich sein kann. Jetzt habe ich nämlich zwei Lichter, die mich führen. Eines, das aus der Vergangenheit strahlt und eines, das mir den zukünftigen Weg leuchtet. Und Licht hat ja die Angewohnheit zu wärmen. Deshalb friert mich auch nicht bei dem Gedanken, wie weit der Weg noch sein muss und meine Beine verlieren die Schwere.

Mein liebes vergangenes Leben, es war schön heute mit dir so intensiv gesprochen zu haben und ich danke Dir, dass du mich trotz des Abschieds, immer mal wieder besuchst und mit mir redest. Ich richte auch gerne deine Grüsse an das neue Leben aus und soll dich auch ganz herzlich von diesem zurückgrüssen. Weisst Du, viele sagen, es hätte dich gar nicht nicht in der Form gegeben, weil ja dieses neue Leben schon da ist oder überhaupt gekommen ist. Man hätte doch nur ein Leben. Aber die haben keine Ahnung, denn die wissen ja nicht, was wir wissen, und was wir uns bei unserem Abschied versprochen haben, denn das Herz hat eine Sache, die viele gar nicht wissen. Es schlägt nicht nur, nein!

Man kann sogar damit sehen. Das wahre Leben!

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