Ende Januar war ich auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt. Dort hatte ich schon verschiedenen Rednern zugehört, die wort- und zahlenreich begründeten, warum ihr jeweiliges Medium das wichtigste sei – und niemals von Web 2.0-Medien abgelöst werde.

Beim letzten Referenten war ich plötzlich ganz aufmerksam, schrieb frenetisch mit und notierte mir „Wachtenblog“ an den Rand meiner Aufzeichnungen.  Professor Dr. Dr. Franz Josef Radermacher sprach über „Globalisierung, Weltfinanzkrise, Nachhaltigkeit, Kommunikation: Zur Rolle der Medien.“

Radermacher kommt der eigentlich ausgestorbenen Spezies des Universalgelehrten sehr nahe: Der heute 60jährige hat in Mathematik und in Wirtschaftswissenschaften promoviert. Er leitet das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung  und ist zugleich Professor für Informatik an der Universität Ulm. Dort beschäftigt er sich mit Datenbanken und künstlicher Intelligenz. Vor diesem Hintergrund betrachtet er die Menschheit als intelligenten Superorganismus. Und hat sich zu einem der führenden Köpfe in der Diskussion um Nachhaltigkeit und eine gerechtere Globalisierung entwickelt. Er ist Mitglied des Club of Rome und einer der geistigen Väter der Initiative „Global Marshall Plan„.

Wer sich für diese Initiative und das Konzept der Ökosozialen Marktwirtschaft interessiert, dem sei Radermachers Buch „Welt mit Zukunft – Überleben im 21. Jahrhundert“ empfohlen. Habe es gerade am Wochenende ausgelesen, sehr inspirierend. 

Was mich bei Radermachers Vortrag in Frankfurt so elektrisierte war folgende Passage: „Jede politische Partei ist ein Deutungssystem der Realität. Überhaupt deutet jeder das, was in der Welt passiert, aus seinem eigenen System, aus seiner Philosophie heraus. Das tun auch Printmedien: Woche für Woche deuten sie aus ihrer jeweiligen Tradition und Philosophie heraus die Welt. Ich kann das verfolgen, auch wenn ich die Philosophie des jeweiligen Mediums nicht teile. Das Verfolgen mehrerer Printmedien ist die einzige Chance zum Verständnis einer hochkomplexen Welt, zu der wir keinen direkten Zugang haben. Die Welt zu verstehen ist das wichtigste Vehikel, um mit dafür zu sorgen, dass diese Welt in die richtige Richtung läuft.“

Liebe Wachtenblog-Leser, lieber Herr Morell (ja, Ihr Kommentar ist der Anlass, diesen lang geplanten Blogbeitrag zu schreiben. Außerdem habe ich hier auf einige Ihrer Ausagen geantwortet): Der Wachtenblog ist genauso wenig objektiv wie jedes andere Medium. Wir drei sehr unterschiedlichen Menschen (vgl. Franks wunderbaren Artikel!) deuten die Realität vor dem Hintergrund unserer Werte, Erfahrungen und Einstellungen. Das tun wir, weil wir ein kleines Stück mithelfen möchten, die komplexen Geschehnisse in Wachenheim verständlich zu machen. Und ja, damit möchten wir dazu beitragen, dass die kleine Wachenheimer Welt in die Richtung läuft, die wir vor dem Hintergrund unserer Werte, Erfahrungen und Einstellungen für die richtige halten.

Das ist ein großer Anspruch für einen kleinen Blog, ich weiß. Uns war nicht klar, was passieren würde, wenn wir unsere Deutungen der Realität ins große weite  Internet stellen – und nicht einmal aktiv Werbung dafür machen. Die bisherigen Reaktionen lassen vermuten, dass wir nicht komplett daneben liegen.

Wie Achim und Frank schon geschrieben haben: Aus der Summe unterschiedlicher Ansichten – kombiniert mit dem Verstand des jeweiligen Lesers! – ergibt sich das Bild, das der Objektivität am nächsten kommt. Wer sich ein bisschen in der Blogosphäre auskennt, der weiß, dass wir sehr niedrige Hürden für Kommentierer haben. Wir werden weiterhin Ansichten im Wachtenblog begrüßen, die nicht unseren sind.

Wir werden nicht für uns beanspruchen, dass unsere Deutungen die objektive Realität sind. Und skeptisch bleiben gegenüber denjenigen, die es für sich beanspruchen oder von uns einfordern.

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