Im Moment läuft in Berlin die re:publica. Die Konferenz rund um Web 2.0 findet zum vierten Mal statt und genießt eine große Aufmerksamkeit in der Blogosphäre. 2500 Blogger, Journalisten und Internet-Aktivisten sind vor Ort. Da wäre ich gerne mal dabei, auch wenn ich nur eine kleine Wachtenbloggerin bin.

Natürlich kann man die re:publica online verfolgen. Die Vorträge gibt es sogar als live-streams – hilft bloß nicht, wenn man berufstätig ist. Dann muß man warten, bis sie nach der Konferenz als Videos ins Netz gestellt werden. Zumindest die Vortragstitel habe ich mir heute Abend mal angesehen. Da sind schon einige Themen dabei, die einen Bezug zum Wachtenblog haben:

Neutralität und freie Rede im Internet, digitale Bürgerrechte, Ratschläge zum Überleben eines „Shitstorms“ (Empörungswelle im Web), feministische Netzkultur (Herrje, ich habe das f-Wort gebloggt. Kommen jetzt wieder die Trolle?), Technologie für Transparenz (Untertitel: Führt Information und Partizipation zu Verantwortlichkeit der Regierung?), Sexismus im Internet oder die Plattform Wikileaks (erlaubt die anonyme Veröffentlichung brisanter Aufzeichnungen).

Ein Highlight vom ersten Tag kann man sich jetzt schon auf der re:publica-Seite als Video ansehen: den Vortrag von Peter Kruse. Der Psychologe, Mediziner und – ha! – Biologe ist  Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Uni Bremen und arbeitet außerdem als Unternehmensberater.

Sein Thema ist die Nutzung von kollektiver Intelligenz zur Förderung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse. Er beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Web 2.0, vor allem mit dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Titel seines Vortrags bei der re:publica war „What’s next – wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren“. Kernaussage des ersten Teils war, dass es auch unter den Menschen, die das Internet sehr häufig nutzen, zwei ganz verschiedene Gruppen gibt.

Während die Digital Vistitors (digitale Besucher) bei allem Interesse fürs Web ihre persönlichen Kontakte lieber „offline“ gestalten und Wert auf Schutz ihrer Privatsphäre legen, verschwimmen bei den digital Residents (digitale Einwohner) die Grenzen zwischen virtuellem und realem Leben. Unreflektierte Wertekonflikte zwischen diesen beiden Gruppen macht Kruse verantwortlich für die aktuell sehr scharf geführte Diskussion pro und contra Internet.

Diese Aussage mag den heutigen re:publica-Bericht von Spiegel online unter dem Titel „Die Netzgemeinde zersplittert“ inspiriert haben. Intressant ist, dass Kruse den Artikel gleich per Twitter kommentierte: „Anscheinend ist schwer zu verstehen, dass Diversität Netzwerke erst intelligent macht: Gleichschaltung bitte vermeiden!“ Womit wir auch wieder beim Wachtenblog wären!

Den zweiten Teil von Peter Kruses re:publica-Vortrag fand ich noch deutlich spannender.  Da ging es um „Verschiebung der Machtverhältnisse – Warum verändert das Internet Wirtschaft und Politik“. Wenn man die Hypothesen (ja, der Mann ist eben Wissenschaftler – andere würden vielleicht von Kernaussagen sprechen) dieses Teils aneinanderreiht und ein paar Erklärungen hinzufügt, ergibt sich ein guter Eindruck des Vortrags:

Die Veränderungen durch das Internet sind systembedingt und daher außer durch Abschaltung des Netzwerkes nicht zu stoppen. Die Social Software des Web 2.0 ist ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt ein grundlegendes Umdenken. Während der erste Hype ums Internet, der Zugangsboom, von der Faszination plötzlich zugänglicher Informationsvielfalt gespeist worden sei, erlebten wir jetzt einen Beteiligungsboom.

Der hat zwei Motive: Einmal geht es darum, eigene Kreativität einzubringen und im Web Spuren zu hinterlassen. Das zweite Motiv ist, sich zu einer machtvollen Bewegung zusammenzuschließen. Die könne unscheinbare Hausfrauen aus Schottland zu Showstars machen – oder Großunternehmen in Erklärungsnot bringen.

Das Internet führt zu einer Erhöhung des Selbst-Bewusstseins der Gesellschaft. Daraus folgt eine Re-Politisierung der Welt, die sich vor allem jenseits der Parteien abspielt. So hätten zum Beispiel die über Twitter und facebook organisierten Studentenproteste der Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Bildungsgipfel abgetrotzt.

Peter Kruse schließt seinen Vortrag mit der Aussage „Die sozialen Netze werden die Politik verändern“ und einem Zitat des Spreeblick-Bloggers Max Winde (das interessanterweise bekannt geworden ist, obwohl er es weder im Fernsehen gesagt noch einem Spiegel-Journalisten diktiert hat – er hat es getwittert): Ihr werdet Euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen“.

Bevor Sie, liebe Leser, mich jetzt für völlig übergeschnappt halten: Ich glaube nicht, dass wir mit dem Wachtenblog die Politik verändern werden – jedenfalls nicht die kommenden paar Monate :-). Die von Peter Kruse beschriebene Re-Politisierung kann ich an mir aber durchaus beobachten. Politische Themen mischen sich auch deutlich mehr als früher in meine Gespräche mit Freunden und Nachbarn.

Werden der Wachtenblog, seine Leser und Kommentierer die Mechanismen der Macht in Wachenheim verändern? Vielleicht werden sie es schwieriger machen, bestimmte Mechanismen auszuüben, die wenig mit pluralistischer und demokratischer Entscheidungsfindung zu tun haben.

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