Die Münze in dem Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt(Beim Überqueren der Brücke bitte zahlen!)!

Wer kennt diesen Spruch nicht, der der Legende nach mit zur Reformation von Martin Luther geführt hat. Auf der Suche nach Einnahmequellen für die katholische Kirche wurde der Ablass erfunden, mit dem man sich, ganz weltlich, von seinen Sünden auf Erden freikaufen konnte und mit sauberer Seele dem Fegefeuer entging.

Der streitbare Mönch Luther nahm, unter anderem, diese Vorgehensweise zum Anlass seine Thesen an die Kirchentür zu nageln und begründete damit die reformierte Kirche, er protestierte. Daher der Name Protestanten. Er protestierte gegen eine Verweltlichung des Glaubens, der sich seiner Meinung nach immer weiter von seinen Wurzeln entfernte und u.a. zu etwas gemacht wurde, das man bezahlen konnte, bzw. musste.

In der heutigen modernen globalisierten Welt gibt es für die Kirchen einfachere Mittel um Geld einzunehmen. Insbesondere hier in Deutschland gibt es die Kirchensteuer. Ein wunderbares Instrument um die Mitgliedsbeiträge seiner Mitglieder einzusammeln. Einzigartig auf der Welt und so typisch deutsch, so vereinshaft. Diese Kirchensteuer gibt es in einem Land, in dem Staat und Kirche seit langer Zeit getrennt sind, was für mich ein Paradoxon darstellt, genau wie der Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Dies soll aber nicht das Thema des Artikels sein, sondern Kirchensteuer, Glauben, Universalität des Glaubens und die Verarbeitung eines Themas, das mich seit mehr als zwei Jahren massiv beschäftigt.

Also, in Deutschland definiert der Christ über die Zahlung der Kirchensteuer. Zahlt man keine Kirchensteuer ist man kein Christ. Was passiert, aber, wenn man in anderen Ländern seinen Obulus an die Kirche entrichtet, aber in Deutschland aus der Kirche ausgetreten ist?

Hierzu ein konkretes Beispiel.

Meine verstorbene Frau war Argentinierin, eine gläubige Argentinierin. Als sie meinetwegen nach Deutschland kam, war es für sie klar, in Buenos Aires in der Kirchengemeinde von Vicente Lopez, Buenos Aires weiterhin ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Da auch ich mein Geld in einer kleinen Gemeinde in der dritten Welt besser verwendet sah, als in dem riesigen Verwaltungsmoloch Deutschland und wir wussten, dass der dortige Pfarrer eine tolle Gemeindearbeit machte, entschlossen wir uns hier keine Kirchensteuer mehr zu bezahlen und stattdessen unser Geld in Argentinien der Kirche zu spenden. Dies taten wir nachweislich.

Dann kam unsere Tochter zur Welt. In Deutschland. Zum Zeitpunkt der gewünschten Taufe wohnten wir am Niederrhein, einer sehr katholisch geprägten Gegend und wir mussten wirklich suchen, um eine protestantische Gemeinde zu finden, in der die Taufe stattfinden konnte. Im Interview, das der Pfarrer mit uns führte, machte er gleich klar, was die Bedingungen für eine Taufe seien. Wir mussten Mitglied der Gemeinde sein und Kirchensteuer bezahlen. Wir machten klar, dass wir in Deutschland keine Gemeindemitglieder seien, aber ja in Argentinien und wollten unser Kind im Namen Christi taufen lassen, in Deutschland. Er, der Pfarrer ging sofort auf Distanz, sagte was von Kosten und wir könnten ja schön behaupten, wir seien dort Mitglied und vermutete, wir wollten uns nur den Ritus für ein tolles Familienfest erschleichen. Nach Vorlage unserer Spendenquittungen, war das immer noch nicht klar, er müsse mit seinem Vorgesetzten sprechen, dem hier unten auf der Erde. Nach zwei Wochen Klärungen und eines Telefonats der Kirche nach Argentinien(!), fand die Taufe statt und unsere Tochter war endlich eine Christin. Für den Aufwand der Kirche wurde uns eine Spende nahegelegt, wir erfüllten diesen Wunsch.

Da wir den Worten Jesu folgten, und Kinder um uns sein sollten, bekamen wir noch ein drittes Kind. Das erste wurde übrigens in Argentinien getauft. Nun endlich wieder in unserem schönen Wachenheim wohnend. Auch hier stand die Taufe an, und nach unseren Erfahrungen am Niederrhein bereiteten wir alle Unterlagen vor, gingen noch einmal die Argumente durch, die wir in unserem letzten Taufgang angewendet hatten, so von wegen, Glaube lässt sich doch nicht durch Steuerzahlungen fest machen, …wir unterstützen die Dritte Welt Kirche, dann lassen wir unser Kind halt wieder in Argentinien taufen etc. etc. Dann kam es zur Besprechung mit dem örtlichen Hirten und wir waren auf das Positivste überrascht. Nach unserer kurzen Erklärung war alles kein Problem, wir mussten keine Spendenquittungen vorlegen, alles war wunderbar, nein so borniert ist man nicht… und unser Kleiner wurde in Wachenheim getauft, ein Schäfchen der Herde zugeführt. Boshaft gedacht, auch der wird ja mal gross werden und zahlt dann mal Kirchensteuer. Aber diese Meinung war damals weit entfernt und wir liessen auch unseren Kleinen zum Christ machen.

Dann starb meine Frau und mein Kirchenwelt- und Kirchenmenschenbild wurde zutiefst erschüttert. Als in Sterbedingen unerfahrener Mensch, ging ich zu einem Beerdigungsinstitut organisierte die Beerdigung, und auf die Frage, ob ich selbst mit dem Pfarrer reden möchte oder ob das für mich erledigt werden sollte, beauftragte ich das Institut mit der Kontaktaufnahme. Einen Tag später rief mich die Frau der Beerdigungsfirma an, und teilte mir mit, der Pfarrer  könne meine Frau nicht beerdigen, da sie 1994 aus der Kirche ausgetreten sei. Wohlgemerkt muss dem werten Herrn Pfarrer unsere Geschichte bekannt gewesen sein, da er ja unseren Jüngsten getauft hatte und auch die anderen Rahmenbedingungen bekannt waren. Die Dame der Beerdigungsfirma bot an mit den Freireligiösen zu sprechen, die hätten tolle Prediger, aber ich wollte das mit dem Pfarrer klären, was mir zum Glück nicht gelang. Bei meinem Anruf in der Gemeinde hob keiner das Telefon ab, was einen Eklat verhinderte und just in diesem Moment reifte in mir der Entschluss die ganze Beerdigung mit Freunden selbst zu organisieren. Was ein wunderschönes persönliches Erlebnis war, sofern eine Beerdigung der Ehefrau schön sein kann, aber persönlicher, angemessener und herzlicher kann niemand verabschiedet werden, den man geliebt hat.

Der Pate meines Jüngsten, ein sehr gläubiger Christ, Katholik, ist mit einer Brasilianerin verheiratet, die zum Zeitpunkt der Beerdigung in Manaus, dem Herz der grünen Hölle mitten im Dschungel weilte. Als dieser Pate nun seiner Frau erzählte, wie die hiesige Kirche agierte, organisierte sie einen Trauergottesdienst in Brasilien; ebenso wurde in der Gemeinde in Argentinien einen Gottesdienst gehalten. Ich glaube das Seelenheil meiner Frau ist somit, falls das überhaupt notwendig gewesen sein sollte, auf ordentliche Füsse gestellt worden.

Weit weg, in fernen Ländern, in denen man normalerweise Urlaub macht, und in die man, so der Wachenheimer Pfarrer in der aktuellen Ausgabe der „Brücke“, seinen Glauben mitnimmt und immer bei Gott aufgehoben ist. Sofern man in Deutschland Kirchensteuer bezahlt.

Uns kannte keiner in Brasilien, aber der katholische Priester in Manaus hat für meine Frau gebetet, der Priester im Krankenhaus in Rio Cuarto, wo meine Frau keine Kirchensteuer bezahlt hat, aber starb, gab ihr die letzte Ölung, in Buenos Aires wurde für meine Frau gebetet, die Kirche hier, bei der meine Kinder in der Gemeinde sind, die Kinder der Verstorbenen, hat noch nicht einmal kondoliert, nicht mir, nicht meinen Kindern. Es gab kein Wort, weder schriftlich, noch mündlich, kein Wort der Institution und kein Wort des Menschen, der Pastor genannt wird, Hirte, geschweige denn Hilfsangebote an die Kleinen.

Diese Art Kirchenbürokratie und gelebte Kirche ist mir zutiefst zuwider und widerspricht allem, was Martin Luther wollte, und vor allem, was Jesu wollte. Mir sind aus der Bibel eigentlich nur Geschichten bekannt, bei denen wegen des schnöden Mammons Verrat geübt wurde. Verrat am Tempel, dort wurden sie von Jesus vertrieben und Verrat an Jesus selbst, für ein paar Silberlinge. Die Frage, die sich aufwirft, und die mir seit zwei Jahren keine Ruhe gelassen hat, ist, ob diese Haltung klerikal im Allgemeinen ist, oder ob dieses Verhalten persönlich bedingt war.

Ich habe meine Antwort gefunden. Endlich!

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