Hat jemand die Wettervorhersage für die nächsten Tage gehört? Brrrr! Und dabei friere ich doch jetzt schon. Oh, wie vermisse ich die mediterrane Sonne! Aufmerksame Wachtenblog-Leser werden es vermutet haben: Wir waren im Urlaub. Einen Autotag und eine Fährennacht südlich von hier war richtig tolles Wetter.

Bei der Gelegenheit bitte ich um Entschuldigung, dass wir den Sommerschlaf des Wachtenblogs nicht angekündigt haben. Für den Fall, dass auch gut organisierte Langfinger das Web 2.0 für sich entdecken, wollte ich keine Einladungen zum Einbrechen veröffentlichen. Aus der Besucherstatistik vermute ich, dass auch die meisten Wachtenblog-Leser Urlaub vom Internet hatten.

Jetzt sind wir also wieder da – und wundern uns seitdem immer wieder, wohin in der Toskana Deutschlands der Sommer entschwunden ist. Wenn man sich wochenlang mit wachsendem Erfolg eingeredet hat, dass 28 Grad im Haus eine prima Temperatur zum Einschlafen sind, dann fühlt sich das hier gerade wie Herbst an!

Zu meinem Unwillen über die Kühle passt ein Artikel, mit dem Spiegel Online im Juli das Sommerloch füllen wollte. Unter der Überschrift „Gesellschaftlicher Klimawandel – Warum cool sein total uncool ist“ postulierte Autor Tobias Becker die Abkehr von der Coolness als gesellschaftlichen Trend.

Er beruft sich dabei auf die Bremer Kunstprofessorin Annette Geiger, die unlängst den Sammelband „Coolness – Zur Ästhetik einer kulturellen Strategie und Attitüde“ herausgegeben hat. Darin beschreibt sie das Cool-Sein als eine der wichtigsten Kulturtechniken des 20. und 21. Jahrhunderts.

Auf individueller Ebene definiert sie Coolness die Kontrolle der Affekte. Man verbirgt Angst und Verletzlichkeit, aber auch Wut und Aggression, um Macht und Stärke zu auszustrahlen. Als Identitäts-stiftendes Merkmal sei Coolness traditionell für gesellschaftliche Randgruppen bedeutend: Durch cooles Verhalten grenzt man sich vom Mainstream ab, spielt nach eigenen Regeln und setzt der Ablehnung durch die anderen die eigene Unverletzbarkeit entgegen.

Angelika Geigers Buch analysiert vor allem die Umsetzung des Coolen in den hohen Künsten und der Popkultur. Da dies für Nicht-Kunstprofessoren nur mäßig spannend ist, fokussiert sich die Medienresonanz auf das Kapitel des Buches, das eine Trendwende beschreibt:  „Cool ist out – warum James Bond heute weinen muss“.

Der Spiegel-Artikel verdeutlicht nach einem Gespräch mit der Wissenschaftlerin gleich einmal, was in und was out ist. Zum Beispiel Kino. James Bond wird nicht mehr abgeklärt und überlegenen von Sean Connery dargestellt, sondern innerlich zerrissen von Daniel Craig . Auch in der Shrek-Reihe ließe sich der Trend nachvollziehen – habe sich die Hauptfigur doch vom ekligen Einzelgänger zum liebevollen Familienvater gewandelt.

Geballte Abkehr von der Coolness will die Kunstprofessorin ausgerechnet bei der Fußball-WM beobachtet haben. Stimmt schon: Die deutsche Nationalmannschaft wurde nicht vom abgeklärten Leitwolf Ballack geführt, sondern vom eher schmächtigen Philip Lahm, auf dessen Homepage auch verstorbener Hasen gedacht wird. Brilliante Solisten wie Ronaldo, Rooney oder Ribery mussten früh nach Hause fahren. Die Mannschaft zählte, und der Torwart der siegreichen Spanier, Iker Casillas, vergoss beim Endspiel fast mehr Tränen als Schweiß.

Politisch wird die überkommende Coolness laut Angelika Geiger von Vladimir Putin vertreten, der gerne mal mit nacktem Oberkörper den gestählten Kämpfer gibt. Der trendige Gegenentwurf ist natürlich Familienmensch Barak Obama (der Artikel erschien vor der Spanienreise von Frau und Tochter…). In der Kunst seinen kalte Objekte eines Damien Hirst auf dem absteigenen Ast, gefragt sei Authenzität. Auch beim Möbeldesign: Kuscheltier-Sofas statt glatter Oberflächen. Dieser Sehnsucht nach dem Echtem habe Deutschland auch den Grand-Prix-Sieg von Lena Meyer-Landruth zu verdanken.

Und warum das Ganze? Collness sei heute nicht mehr Ausdruck von Individualität und Rebellion, sondern Mainstream. Gleichzeitig sei Draufgängertum nicht mehr angesagt – ein Effekt der Wirtschaftskrise. Wer unnahbar den eigenen Weg geht, ohne Rücksicht auf Verluste, der ende heute als armes Würstchen. Gefragt seien dagegen Charme, Warmherzigkeit, echte Gefühle. Wir suchen Weltenretter, bringen Bücher über Burnout und Krebs auf die Bestsellerlisten und kaufen laut Spiegel-Artikel Männermode eher, wenn sie von Jesus-ähnlichen Models vorgeführt wird.

Einige Wachenheimer schienen den Trend bisher verschlafen zu haben. Ich meine jetzt nicht die vielen männlichen Mitbürger, die keinerlei Ähnlichkeit mit Jesus aufweisen. Das ist schon OK so. Ich meine die Vandalen, die sich über alle Regeln unseres Gemeinwesens erhaben fühlen.

Da ist die vergangenen Monate ganz schön was zusammen gekommen: Über die zerstörten rosa Folien zur rosaroten Burg-Beleuchtung habe ich ja schon gebloggt. In der Hexennacht wurden auf dem Hof der Kurpfalzschule Spielgeräte beschädigt, deren Anschaffung der Förderverein mit viel Engagement ermöglicht hatte. Mehrmals haben die Vandalen den Friedhof heimgesucht. Der neuste Tummelplatz scheint die Villa Rustica zu sein. Da wurden jetzt mehrmals Zaunteile geklaut und Schautafeln verbogen.

Liebe Vandalen, Ihr findet das ja vielleicht cool. Aber genau das wird Euer Problem sein. Mit so etwas seid ihr nicht mehr angesagt, sondern steht kurz vor der sozialen Frühverrentung. Da müsst Ihr Euch etwas anderes einfallen lassen. Möbel bauen aus alten Kuscheltieren zum Beispiel, oder gefühlvolle Blogs schreiben. Welt retten geht auch. Die Wachenheimer Pfadfinder suchen Nachwuchs, da wärt Ihr besser aufgehoben als auf dem Friedhof. Und unter dem Motto „Jeden Tag eine gute Tat“ könnt ihr ja dann den Schaden wieder gut machen, den ihr angerichtet habt.

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