Heute morgen habe ich mich mal wieder gefreut, dass wir die Rheinpfalz abonniert haben. In der Sonntagsausgabe war ein hervorragender Artikel zu den Thesen von Thilo Sarrazin. Professor Wolfram Henn, Humangenetiker und Medizin-Ethiker an der Universität des Saarlandes, stellt Aussagen des Noch-Bundesbank-Vorstands auf den wissenschaftlichen Prüfstand.

Die Analyse reicht vom speziellen Gen, das sich alle Juden oder Basken teilen, über die schlechter werdenden Bildungsvoraussetzungen Neugeborener, Sarrazins Prognose zur „Überfremdung“ Deutschlands durch unterschiedliche Geburtenraten bis hin zur Häufung von Erbkrankheiten bei Einwanderern aus dem Nahen Osten. Henns Diagnosen zu all diesen Thesen Sarrazins: Falsch! Die wissenschaftlich fundierte Widerrede liest sich richtig spannend – zumal die Redaktion dem Forscher sein Vokabular belässt und zum besseren Verständnis ein Glossar an die Seite stellt.

Bei dieser Gelegenheit eine Anmerkung an die Leser, die in Kommentaren den Wachtenblog als Alternative zur Rheinpfalz beschreiben. Das ist ja sehr ehrenvoll für uns, aber so etwas wie diesen Artikel können wir Freizeitblogger natürlich nicht liefern. Auch im Zeitalter von Web 2.0 halte ich die Tageszeitungs-Lektüre für einen unverzichtbaren Teil der politischen Bildung – egal ob lokales oder überregionales Blatt, ob online oder auf Papier. Im Idealfall ergänzen sich Blogs und traditionelle Medien – so wie das bei uns und der Rheinpfalz ja schon zu beobachten war.

So habe ich zum Beispiel bei den hohen Zugriffszahlen der letzten Tage den Verdacht, dass einige unserer Leser im Wachtenblog eine Reaktion auf den Rheinpfalz-Artikel „FWG-Postille spaltet eigene Reihen“ vom Dienstag gesucht haben. In den letzten zwei Absätzen des Beitrags „Einspruch, lieber Freund“ bin ich ja schon kurz auf das Thema eingegangen.

Jetzt hat mich die Berichterstattung über Sarrazins provozierende Aussagen nochmal auf das FWG-Blatt und den Herausgeber Boris Morell gebracht. Auch wenn sich beides auf völlig verschiedenen Ebenen bewegt, was Thema und Reichweite angeht, sehe ich doch einige Parallelen. Beide Autoren greifen in ihren Publikationen Misstände auf, die tatsächlich vielen auf der Seele liegen. Bei Sarrazin sind es die ungenügende Integration von Migranten in unsere Gesellschaft und die zu starke Belastung des Sozialstaats. Bei Morell ist es die zunehmende Verschuldung der Stadt Wachenheim.

Bei beiden kann man also vielleicht annehmen, dass sie von berechtigter Sorge um das Wohl der Gemeinschaft getrieben sind – was Boris Morell ja auch schon in einem Kommentar im Wachtenblog geschrieben hat. Sehr problematisch finde ich bei beiden, was sie als Ursachen der von ihnen angeprangerten Misstände ausmachen, dass sie vor allem mit Angst und Schuldzuweisungen arbeiten, und dass sie die Lösung durch einseitige Polemik nicht begünstigen, sondern erschweren.

Indem Sarrazin vor einer „Überfremdung“ Deutschlands durch muslimische Einwanderer warnt, spricht er vielleicht dem „gesunden Volksempfinden“ aus der Seele (das sich in der deutschen Geschichte bereits als extrem ungesund erwiesen hat), trägt aber rein gar nichts zur besseren Integration von Migranten bei. In einem gesellschaftlichen Klima, in man über die angebliche genetische Vorbestimmung zur bildungsfernen Unterschicht schwadroniert, wird eine konstruktive Debatte um den Umgang mit eben dieser Unterschicht schwieriger.

Wie Gabor Steingast im Handelsblatt schreibt: „Schuld am Wachstum der Unterschicht sind nämlich nicht die Gene oder die Religion der betroffenen Menschen. […] Wer gibt, ohne etwas zu verlangen, der fördert die Gruppe von Menschen, die nimmt, ohne zu geben. So ist der Mensch nun mal, unabhängig davon, ob er aus Anatolien oder Oberammergau stammt.“ Bei den staatlichen Anreizsystemen müsste man also ansetzen, und diese schwierige Operation kann in einem Klima aus Angst und Schuldzuweisungen nicht gelingen.

Im Vergleich zu Sarrazins Aussagen, denen Henn im Rheinpfalz-Artikel eine beunruhigende Nähe zur Eugenie-Logik der Nazis nachweist, sind die Texte des „FWG im Gespräch“ harmlos. Gleichwohl sind sie auf unserer lokalen Ebene durchaus geeignet, das Klima für konstruktive Lösungen zu vergiften. Zum Beispiel führt das Blatt die Neuverschuldung Wachenheims auf die angebliche Unerfahrenheit der Stadträte von CDU und WL zurück – ohne etwa die hohen und unstrittigen Investitionen in die Wachtenburg zu erwähnen. Auch das Auslassen wichtiger Faktoren kann eine falsche Darstellung der Tatsachen sein, Herr Morell!

Für ähnlich indiskutabel wie Sarrazins Aussagen über „Kopftuchmädchen“ halte ich Morells persönliche Angriffe auf Bürgermeister Torsten Bechtel. Dass der CDU-Politiker seine Gesprächskontakte mit der FWG auf die Stadträte und allen voran die Fraktionsvorsitzende Nicola Räch beschränkt, kann ich gut nachvollziehen. Die haben nämlich – im Gegensatz zu Boris Morell – ein Mandat der Wähler.

Auch über das Inhaltliche hinaus sehe ich weitere Parallelen zwischen Thilo Sarrazin und Boris Morell. Beide verbinden die Lust an der Provokation mit dem Spaß an der öffentlichen Inszenierung. Und beide benutzen ihr Amt, um eine persönliche Agenda zu verfolgen. Während bei Sarrazin das Amt des Bundesbank-Vorstandes – das ihn vertraglich zu Mäßigung und Zurückhaltung verpflichtet – und seine Buchpublikation rein gar nichts miteinander zu tun haben, ist die Situation bei Morell etwas schwieriger.

Natürlich hat er als Vorstandsvorsitzender der Wachenheimer FWG die Aufgabe, seinen Verein zu positionieren und vom politischen Gegner abzusetzen. Dabei kann die Tatsache, dass er keinen Sitz im Stadtrat hat, eine vorteilhafte Unabhängigkeit bringen. Wenn er dabei aber so stark polemisiert und so sehr mit Angst und Schuldzuweisungen operiert, dass er seiner FWG eine konstruktive Mitarbeit im Stadtrat erschwert, dann vertritt er damit eben nicht die Interessen seines Vereins.

In einer Zeit, als sich im Stadtrat gerade eine aus den vergangenen Jahren  nicht gekannte, unaufgeregte Art der Zusammenarbeit entwickelte, scheint mir Boris Morell eine ganz eigene Agenda zu verfolgen. Ich kann nicht beurteilen, ob es seine eigene Mission ist, oder ob er lediglich als Strohmann im Interesse anderer agiert, wie hier in einigen Kommentaren gemutmaßt wurde.

Nun scheint Boris Morell der Rückhalt in großen Teilen der FWG zu fehlen. Zwar betont Morell, jedes Wort der Artikel im gesamten Vorstand abgestimmt zu haben. Doch gibt der Vorstand wirklich die Mehrheitsmeinung der Mitglieder wieder? Und wie ist das Verhältnis von FWG-Vorstand und Stadtrat?

Nur eines der acht Vorstandsmitglieder wurde auch in den Stadtrat gewählt, nämlich Dr. Rainer Lukas. Und der schwieg, als die FWG-Fraktion bei der letzten Stadtratssitzung um eine Stellungnahme zu der Publikation gebeten wurde. Nicola Räch hat sich gegenüber der Rheinpfalz vom FWG-Blatt distanziert. Aussagen wie die des anonym bleibenden FWG-Mitglieds haben wir im Ort auch gehört. Einige Mitglieder sollen sich geweigert haben, die Postille auszutragen.

Dass Thilo Sarrazin für sein Tun keinen Rückhalt im Vorstand der Bundesbank hat, ist seit vergangenem Donnerstag offiziell. Da beschlossen Sarrazins Vorstandskollegen einstimming, den Bundespräsidenten um die Abberufung des Provokateurs zu bitten. Um das ganz klar zu machen: Ich empfehle hier nicht den Rücktritt – oder die Abwahl – von Boris Morell aus dem Vorstand der FWG. Von dieser ganzen Bettel-Hinwerferei, wie sich gerade durch die deutsche Politik zieht, halte ich nämlich gar nichts.

Boris Morell sollte ein Amt nicht als Freibrief nutzen, um eine persönliche Agenda zu verfolgen. Vielmehr sollte er Meinung und Interessen der Mehrheit der FWG-Mitglieder vertreten. Nur wenn er dazu nicht bereit wäre, dann wäre er der falsche Mann in diesem Amt.

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