Beim Rheinpfalz-Lesen heute morgen erinnerte ich mich an einen Spruch, der in meinem Poesiealbum stand:

„Sag nicht immer, heute will
dieses oder das ich tun.
Schweige doch bis morgen still,
sage dann, das tat ich nun.“

Still schien es die vergangenen Monate manchmal um den Wachenheimer Bürgermeister Torsten Bechtel. Stiller jedenfalls, als ich es mir nach seinem auf Wandel und Dialog ausgerichteten Wahlkampf erhofft hatte. Seit heute wissen wir, dass Wandel und Dialog hinter den Kulissen stattfanden: Laut Rheinpfalz hat Bechtel seit einem halben Jahr Gespräche mit Gutsbesitzerin Bettina Bürklin-von Guradze geführt. Wie beide gestern in einem Pressegespräch bekannt gegeben haben, führten diese Verhandlungen zu drei tollen Neuigkeiten für Wachenheim.

Zum einen gibt es eine sehr erfreuliche Entwicklung beim Pfortenstück, zum anderen eröffnet eine räumliche Neuorientierung des Weinguts zwei ungeahnte Chancen für die Stadt. Da uns das Pfortenstück seit Jahren am Herzen liegt, fange ich mal damit an: Die umstrittenen Pläne, in unmittelbarer Nähe der historischen Stadtmauer einen Supermarkt und Mehrfamilienhäuser zu bauen, waren ja im Frühjahr endgültig gescheitert. Jetzt setzt Bettina Bürklin-von Guradze einen Vorschlag um, den schon vor Jahren Wachenheimer Liste und SPD im Stadtrat befürwortet hatten: Sie hat für das Pfortenstück einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben.

Architektur-Studenten der Technischen Universität Kaiserslautern (die schon damals im Gespräch war) kommen nächste Woche nach Wachenheim und sollen danach verschiedene Vorschläge erarbeiten. Die sollen dann von Anfang an mit den übergeordneten Behörden und der Öffentlichkeit diskutiert werden.

An dieser Vorgehensweise gefallen mir mehrere Aspekte: Die Stadtplanung wird nicht einem Wirtschaftsunternehmen mit Eigeninteressen überlassen (so wie beim ersten Bebauungsversuch der Hasslocher Firma Müller), sondern neutralen Fachleuten, die sich Gedanken im Interesse der Stadt Wachenheim machen werden. Dazu gab es im Kulturteil der Rheinpfalz übrigens neulich einen spannenden Artikel von Markus Clauer (der anlässlich der Rhein-Galerie-Eröffnung fragte, ob Einkaufcenter-Betreiber wie ECE für die wichtigsten städtebaulichen Akzente verantwortlich sein sollten). Ich bin jetzt schon gespannt auf die Vorschläge der Kaiserlauterer Studenten.

Noch besser gefällt mir, dass Bürgern und übergeordnete Behörden in den Entscheidungsprozess einbezogen werden sollen. Wir Wachtenblogger werden uns natürlich an der Diskussion beteiligen. Das ist genau die Transparenz und Bürgerbeteiligung, die ich mir von Torsten Bechtel erhofft hatte! Und das passt auch viel besser zu der großartigen Tradition von Bürklin-Wolf in Wachenheim. Ich hatte mich schon immer gewundert, warum das Weingut, das der Stadt Wachenheim u. a. das Bürgerspital und eine Kirchenglocke geschenkt hat, die Planungen am Pfortenstück gegen den Willen der Bürgermehrheit umsetzen wollte.

Es ist vielleicht aufgefallen, dass wir bei unserer Kritik am geplanten Supermarkt vor allem Altbürgermeister Arnold Nagel und das Hasslocher Bauunternehmen Müller angegangen sind. Bei Bürklin-Wolf passt das Handeln jetzt wieder zu meinem Bild von dem Unternehmen.

Jetzt werde ich nicht mehr darüber nachdenken, ob ich in die Vinothek des Weinguts gehe – egal ob am alten oder neuen Standort. Hier kommt jetzt nämlich die zweite große Neuigkeit: Das Weingut Bürklin-Wolf wird das, was sich in den vergangenen Jahrzehnten beim Wein getan hat – mehr Qualität, weniger Quantität – auch in seinem Immobilienbesitz nachvollziehen. Der frühere Kolbsche Hof an der Weinstraße 65 (derzeit Sitz von Kelterhaus und Vinothek) und ein Grundstück in der Ringstraße sollen verkauft werden. Der Stammsitz des Weinguts am südlichen Ortsausgang soll dafür unter anderem ein neues Kelterhaus und eine Vinothek erhalten.

Für Wachenheim eröffnet das sehr interessante Möglichkeiten: Das Grundstück an der Ringstraße grenzt direkt an die sanierungsbedürftige Stadthalle und das ehemalige Postgebäude – beide in städtischem Besitz. Gegenüber der Rheinpfalz sagte Bürgermeister Bechtel: „Das ist eine einmalige Gelegenheit, den gesamten Komplex entwickeln zu lassen.“ Etwas geheimnisvoll spricht er von „Infrastruktur“, die da geschaffen werden soll. Eigentlich könnten sich die Kaiserlauterer Architektur-Studenten nach dem Pfortenstück gleich diese Liegenschaften vornehmen. Leicht pikant finde ich übrigens, dass Boris Morell, FWG-Vorsitzender und wortreicher Widersacher des Bürgermeisters, mit seiner Firma Mieter im Postgebäude ist.

Spannend könnte es auch im Kolbschen Hof werden. Dieses Ensemble bietet sich doch für ein exklusives Hotel oder ein Seminarzentrum mit besonderer Atmosphäre an. Das könnte Wachenheim noch stärker aufwerten als die von Bechtel als weitere Alternative genannte hochwertige Wohnbebauung.

Es wird spannend die kommenden Jahre in Wachenheim! Ich hoffe sehr, dass der Coup von Torsten Bechtel auch ein Weckruf für die anderen politischen Protagonisten in der Stadt ist. Ergebnisoffene Herangehensweise, Dialog, Transparenz und Beteiligung aller Interessengruppen sollten Schule machen in Wachenheim!

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