Der frühere US-Präsident George W. Bush hat während des Präsidentschaftswahlkampfs einmal seinem Beleiter, ich glaube es war Dick Cheney, zugeraunt: „Oh no, there’s that asshole from the New York Times again.“ Dummerweise war das Mikrofon an seinem Revers noch offen und so konnte die Welt teilhaben an der niveauvollen Ausdrucksweise des damaligen Führers der freien Welt.
Doch wer hat sich in dieser Situation schlecht benommen? Bush oder das Mikrofon? Oder gar „that asshole“?

Bei den Enthüllungen von Wikileaks geht es für mich um eine ähnliche Fragestellung. Klar, das Wohlergehen von Menschen, die Informationen preisgeben, darf niemals beeinträchtigt werden. Nirgendwo.
Doch unter den unzähligen trivialen Informationen – das Berlusconi inkompetent und aufgeblasen ist, ahnten wir auch ohne Wikileaks – gibt es ja auch erschreckende Neuigkeiten: Außenministerin Clinton lässt UN-Diplomaten ausspionieren, ein Saudischer Scheich drängt die Amrikaner zum Miltärschlag gegen den Iran, die ach so friedliebenden Chinesen vermitteln Raketengeschäfte zwischen Nordkorea und dem Iran…

Wer handelt hier falsch? Die, die hinter den Kulissen Unerhörtes tun oder anordnen? Oder jene, die es öffentlich machen?

Sicher verändern die Leaks, die undichten Stellen, die findige Menschen immer wieder aufdecken werden, wohl nicht die große Politik und machen aus Diplomaten wahrhafte Menschen, die Klartext sprechen. Vielleicht verändern sie lediglich die Art, wie Hinterzimmerdeals und Bespitzelungen dokumentiert werden. In jedem Fall haben die Mächtigen der Welt und ihre Dienste jetzt im Hinterkopf, dass alles, was sie treiben öffentlich werden könnte.

Wenn die Wichtigen der Welt in Zukunft also nicht möchten, dass unsaubere Machenschaften in die Öffentlichkeit geraten, gibt es wohl nur ein Gegenmittel: keine unsauberen Machenschaften anzetteln.

Die weltweiten Reaktionen sind aufschlussreich: In China erfährt die Öffentlichkeit erwartungsgemäß gar nichts von Wikileaks. Die Webseite ist selbstredend geblockt. In Russland erfährt man viel, aber nichts, was Russland betrifft, bei uns weidet man sich an den belanglosen Beurteilungen unseres politischen Spitzenpersonals, aber in den USA findet man, dass das Mikrofon der Böse ist.

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