Wie stellen Sie sich, liebe Leser, eigentlich einen Frühschoppen vor? Das erste, was ich mit diesem Wort verbunden habe, war der „Der Internationale Frühschoppen“ der ARD. In den 60er und 70 Jahren war diese Sendung des WDR ein festes sonntägliches Fernsehritual in vielen Familien. Die politischen Themen der Diskussionsrunden habe ich als Kind  nicht verstanden. Dass es sehr wichtig sein musste, war mir aber ab dem Moment klar, als ich einmal meinen Großvater während der Sendezeit gestört hatte.

Der Duden definiert den Frühschoppen als „geselligen Trunk am Vormittag“. Wikipedia beschreibt ihn in einer von mehreren Definitionen als „ein überwiegend in ländlichen Gebieten regelmäßig Sonntag vormittags abgehaltener Stammtisch in einem Wirtshaus, oft kombiniert mit einem Brunch. Hier werden Dinge des täglichen Lebens und aus der Politik diskutiert.“

Genau so etwas gibt es in Wachenheim auch: Jeden ersten Sonntag im Monat lädt die Wachenheimer Liste (WL) interessierte Bürger zum Frühschoppen ins Café Schellack. Das wollte ich mir schon länger einmal ansehen, und so habe ich heute meine Familie allein ins Fitnessstudio geschickt (von Sonntagsritualen hatten wir’s ja gerade) und habe mich in die Stadt aufgemacht. Soviel vorweg: Der Vormittag ist anders verlaufen als erwartet, ich habe einiges erfahren und mich auch ein wenig gewundert.

Die Ankündigung des Frühschoppens im Amtsblatt hatte besonders nett geklungen. Von vielen netten Menschen war die Rede gewesen, und von einem Gläschen Sekt. Ich habe zwar dieses Wochenende Bereitschaft, aber ein Drittel Gläschen wäre schon gegangen, am besten mit einem Kaffee hinterher. Noch mehr interessiert haben mich ohnehin die netten Leute und die Gespräche über Wachenheimer Politik, Weinfest, usw.

Um meine Bereitschaftstauglichkeit hätte ich mir keine Sorgen machen müssen. Als ich um 11:20 Uhr auf dem Marktplatz ankam (unsere Tochter hatte Frühstück für uns gemacht, da wollte ich nicht hetzen), war das Schellack zu. Klar, dass ich zu spät war, war mein Fehler. Ich hatte es allerdings locker gesehen, da ich den WL-Mitgliedern doch eine Ausdauer von mindestens 20 Minuten zugetraut hatte.

Als ich noch mit mir rang, ob ich mich mehr über mich oder die Wachenheimer Liste ärgern sollte, kam noch eine Nachzüglerin ans Schellack. Sie ist Mitglied der Wachenheimer Liste, und so hielten wir den Frühschoppen einfach trocken auf der Straße ab. Später kam auch Schellack-Wirt und WL-Stadtrat Stefan Pflüger herunter und unterhielt sich mit uns durch ein geöffnetes Fenster in der Eingangstür. Von ihm erfuhren wir, dass tatsächlich einige WL-Mitglieder pünktlich zum Frühschoppen gekommen waren. Da am Vorabend aber eine lange Mitgliederversammlung gewesen war und sich keine weiteren Gäste einstellten, war man gleich wieder auseinander gegangen.

Zwei Teilnehmer des Ultra-Kurz-Frühschoppens kamen in dem Moment am Schellack vorbei, so dass wir jetzt zu fünft in der Diskussionsrunde waren. Bei dem sehr offenen Gespräch habe ich einiges erfahren – und mich auch ein paar Mal gewundert:

Die Wachenheimer Liste wünscht sich mehr aktive Mitglieder, vor allem jüngere Leute. Ich finde allerdings, sie konzentrieren sich dabei zu sehr auf die Stammtische im Schellack (außer am 1. Sonntag im Monat sind sie wohl oft auch Donnerstags abends da). Natürlich gehen viele Wachenheimer oft ins Schellack. Wenn ich aber z. B. zum Elternstammtisch da bin, setze ich mich nicht zur Wachenheimer Liste.

Bei Menschen zwischen 30 und 50, die mitten im Berufsleben stehen und Familie haben, ist die Freizeit oft knapp bemessen. Die müsste man da abholen, wo sie sind – zum Beispiel im Internet. Die Webseite der Wachenheimer Liste wird gerade neu gebaut. Bei der Freiluft-Diskussion habe ich gefragt, warum die WL als einzige politische Gruppierung neben der SPD noch nie im Wachtenblog kommentiert hat. „Keine Zeit“ kam als eine Antwort – nach meiner Erfahrung ein Synonym für „Ist mir nicht wichtig genug“. Ein Fakt dazu: Der Wachtenblog hatte in den vergangenen sechs Monaten durchschnittlich 110 Zugriffe pro Tag.

Dabei hätten wir ja gemeinsame Themen: Da ist zuerst natürlich das Pfortenstück. Ich bin der Wachenheimer Liste heute noch sehr dankbar, dass sie als erste Fraktion im Stadtrat geschlossen gegen den geplanten Supermarkt war und sich auch konsequent engagiert hat. Ohne diese Initialzündung wäre die Angelegenheit vielleicht ganz anders verlaufen. Jetzt wird es spannend, wie es mit dem Pfortenstück weiter geht.

Darüber hinaus hat die WL als einzige Gruppierung im Stadtrat gegen die teure  Toiletten-Anlage auf der Wachtenburg gestimmt. Dazu gehört schon Mut, denn für viele Wachenheimer scheint jedes Wort gegen die Burg ein Tabubruch. Nicht so im Wachtenblog, da hat Frank Mehlmer schon mehrfach die hohen Kosten aufgegriffen. Zum Beispiel im Artikel „Weiss auf Schwarz„, zu dem es auch einige Kommentare gab. Hier hätte sich die WL gerne auch zu Wort melden können!

Immerhin habe ich gelernt, dass die Wachenheimer Liste schon in unserer Online-Community zum Burg- und Weinfest vertreten ist, und zwar in Person von Wolf-Rüdiger Bias. Ihn hatte ich von seiner Bürgermeister-Kandidatur noch als unabhängigen Kandidaten in Erinnerung, der von der WL unterstützt wurde. „Taktik“ kam als Antwort auf meine Frage, warum er erst nach der Wahl eingetreten ist. Vielleicht bin ich ja naiv, aber  parteipolitische Ränkespiele sind so gar nicht mein Ding.

Auf das Thema Weinfest habe ich die WL-Mitglieder auch angesprochen. Eine Antwort war „Ist uns nicht so wichtig, wir stehen für andere Themen“. Bei allem Respekt – in vielen Diskussionen online und offline merke ich, mit wie viel Herzblut viele Wachenheimer an ihrem Weinfest hängen. Das Thema sollte man nicht ignorieren.

Tut auch nicht die gesamte WL – Stefan Pflüger hat ja ein Konzept für den Marktplatz vorgestellt (siehe „Weinfest-Renaissance 2.0“ im Wachtenblog). Dieses Konzept, genauer gesagt der Verzicht auf Ausschankstellen auf dem Marktplatz, wird gerade in der Burg- und Weinfest Community sehr kritisch diskutiert. Ich freue mich, dass er jetzt meiner Einladung in die Community gefolgt ist. Wenn hier offen diskutiert wird, dann tritt hoffentlich das ein, was die WL in ihrem 2009er Wahlprogramm über ihre Mitglieder geschrieben hat: dass sie „eine intensive Einbindung der Bürgerschaft in kommunalpolitische Entscheidungen durch offene Informationen […] fordern“.

Eins ist mir immer noch nicht klar: Warum in der guten Stunde, die wir gesprochen haben, niemand von uns auf die Idee kam, das ganze ins Schellack zu verlagern. So brauchte ich zu Hause erst mal einen heißen Ingwertee, um mich aufzuwärmen. Ob man sich zum Stammtisch der Wachenheimer Liste nur wagen sollte, wenn’s draußen warm ist?

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