Am vergangenen Wochenende hat mir die „Rheinpfalz am Sonntag“ wieder mal aus der Seele geschrieben: Chefredakteur Michael Garthe vergleicht in seine Essay „Viel Glück, Ägypten“ die friedliche Revolte in Ägypten mit dem Stand der Demokratie bei uns.

Ich teile Herrn Garthes Auffassung: Die Ägypter haben in den vergangenen zwei Wochen Weltgeschichte geschrieben. Nicht nur haben sie im Namen von Freiheit und Menschenrechte einen undemokratischen Herrscher vertrieben. Was mich besonders bewegt: Ein Rückgrat der Demokratisierungsbewegung waren Soziale Medien wie facebook und vor allem Twitter. Über diese Medien haben junge, engagierte Leute den Widerstand und die Demonstrationen organisiert. Und dort habe ich – wie viele tausend Menschen aus aller Welt – jeden Abend der vergangenen Woche live mitverfolgt, was sich auf dem Tahrir Platz tat.

Während Herr Garthe in seinem Essay von Revolution schreibt, waren sich die Teilnehmer des sonntäglichen Presseclubs in der ARD sehr schnell einig, dass es sich bisher allenfalls um einen Volksaufstand handle. Schließlich liege die wahre Macht in Ägypten nach wie vor beim Militär. Die meisten und schwierigsten Schritte auf dem Weg zur Demokratie seien noch zu gehen.

Besonders Zeit-Herausgeber Josef Joffe zeigte sich skeptisch, dass es in wenigen Monaten schon zu demokratischen Wahlen kommen könnte. Schließlich fehlte ein entsprechender Apparat, die Oppositionsparteien seien kaum organisiert. Mit einer Mischung aus Eurozentrisums und Selbstgefälligkeit erinnerte Joffe daran, dass Deutschland von 1945 bis 1949 gebraucht habe, um demokratische Wahlen zu organisieren – und dabei habe man auf die Parteien aus der Weimarer Zeit aufbauen können.

Auch wenn Ägypten keine sehr ausgeprägte Parteienlandschaft hat – mit den zersplitterten Gruppierungen der Weimarer Zeit, die den Aufstieg Hitlers ermöglichten, können die Ägypter vielleicht doch mithalten. Und zu der Aussage, dass es in Ägypten noch keinen Parteienapparat nach westlichem Standard gibt, fällt mir ein Wort ein: Gottseidank!

Die Revolution in Ägypten hat gezeigt, was sich viele betriebsblinde Kenner der westlichen Politik nicht vorstellen können: dass es andere Wege zur Demokratisierung geben kann als die repräsentative Parteiendemokratie aktueller westlicher Prägung.

Michael Garthe stellt in seinem Rheinpfalz-Essay die Bürgerbewegung Ägyptens genau dem Status Quo in Europa gegenüber. Er zeigt an mehreren Beispielen, wie deformiert dieses System mittlerweile ist. Ob der moralisch schillernde und nach demokratischen Maßstäben hoch zweifelhafte Premierminister Berlusconi in Italien oder der mit Schwung gescheiterte Hartz-IV-Kompromiss in Deutschland – allzu oft bestimmen die Eigeninteressen übermächtiger Parteien oder die Eitelkeit einzelner Politiker das Geschehen.

Ergänzt wird das Bild durch einen weiteren Artikel auf der Titelseite der Rheinpfalz am Sonntag. Hartmut Rodenwolt schreibt von einer Umfrage unter Politikern, nach der vier von fünf befragten Bundes- und Landtagsabgeordnete glauben, persönlich keinen großen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu haben. Als Ursache für die gefühlte Machtlosigkeit vermuten die Autoren der Studie Fraktions- und Parteienzwänge.

Daher glaube ich, die Herausbildung eines Parteienapparats hat im Moment nicht die höchste Priorität in Ägypten. Erfolgversprechender wäre es, wenn die Bürgerbewegung jetzt den Schwung bewahren und eine partizipative Demokratie aufbauen kann. Ähnlich wie in der Telekommunikation, wo einige Schwellenländer auf den Ausbau eines Festnetzes verzichtet und gleich auf Mobilkommunkation gesetzt haben, könnte hier einfach eine Entwicklungsstufe übersprungen werden.

Ich bin der Überzeugung, dass sich auch bei uns die Demokratie in diese Richtung weiterentwickeln muss. Gerade lese ich ein sehr spannendes Buch dazu: Makrowikonomics – Rebooting Business and The World (etwa: Neustart für die Wirtschaft und die Welt). Hier denken der Internet-Visionär Don Tapscott und Anthony D. Williams die Umbrüche, die durch Web 2.0-Technologie gerade in Unternehmen stattfinden, weiter in Richtung Volkswirtschaft, Gesundheitswesen, Bildung, Medien und Politik.

These der Autoren: Wir stehen vor ähnlichen Umwälzungen, wie sie durch die Entwicklung des Buchdrucks in Europa entstanden sind. Durch Gutenbergs Erfindung erhielten plötzlich mehr Menschen Zugang zu dem Wissen, das zuvor feudalen Eliten vorbehalten war. Durch das moderne Internet mit seinen  Ausdrucks- und Vernetzungsmöglichkeiten werden Machtmonopole und gewachsene Institutionen wie Universitäten, Zeitungen, Gesundheitssysteme oder auch der gesamte Apparat repräsentativer Regierungen hinterfragt – und das auf globaler Ebene.

Gleichzeitig besteht durch die neuen Möglichkeiten von Offenheit, Transparenz, Wissensaustausch und Zusammenarbeit eine historische Chance, neue Lösungen für die Probleme zu finden, mit denen die etablierten Institutionen momentan vergeblich kämpfen.

In dem Buch Makronomics gibt es Dutzende von Beispielen für diese Entwicklung. Zum Beispiel wurde nach dem Erdbeben in Haiti eine in Kenia entwickelte, interaktive Krisen-Karte eingesetzt. Hier konnte jeder über SMS, e-Mail oder Twitter Informationen über Brennpunkte eingeben. Freiwillige aus aller Welt übersetzten die Einträge aus dem Creolischen ins Englische. So konnten die Rettungsteams wesentlich besser an die Orte besonderer Not geleitet werden als mit den etablierten Systemen der Hilfsorganisationen.

Vernetzte Intelligenz nennt Makrowikinomics das, beruhend auf fünf Grundprinzipien: kollektive Zusammenarbeit, Offenheit, gemeinsame Nutzung, Integrität und wechselseitige Abhängigkeit.  Er prophezeit, dass Milliarden von Menschen sich aktiv ins Gemeinwesen einbringen und so mit der kollektiven Intelligenz die Problemlösungen gefunden werden, die dringend gebraucht werden. Leute mit persönlichem Antrieb, Leidenschaft und Expertise können sich einbringen, um die Welt zu einem gerechteren und nachhaltig funktionierenden Ort zu machen.

Es gibt erste Anzeichen, dass genau das in Ägpyten passieren könnte. Wael Ghonim, Nahost-Manager bei Google und eine Gallionsfigur der Revolution, hat gestern einige interessante Twitter-Nachrichten geschickt: „In a meeting with two generals from the higher council of the armed forces. Really great insights that I will share later.“, „Egypt changed, 8 young guys setting with 2 generals from the higher council of the armed forces and freely exchanging our opinions.“ , „Got approval from the army to start the 100 Billion Pounds campaign to reconstruct Egypt and help the families of martyrs & injured“ Das heißt, Ghonim und andere Aktivisten beteiligen sich aktiv am Aufbau einer Zivilgesellschaft in Ägpyten. Ganz ohne Parteiapparat.

Und was hat das mit dem Wachtenblog zu tun? Viele Führungspersönlichkeiten der Demokratisierungsbewegung in Ägypten sind schon seit langem Blogger. Laut Süddeutscher Zeitung und Geo bloggen seit 2004 schon 200.000 Ägypter und umgehen so die Pressezensur im Land. Der Blogger Wael Abbas wurde monatelang inhaftiert, nachdem er Videos von folternden Polizisten ins Internet stellte. Später wurde den Polizisten der Prozess gemacht, Wael Abbas wurde freigesprochen und erhielt als erster Blogger den „Knight Award“ des „International Center for Journalists“. Er war einer von vielen, die live vom Tahrir-Platz getwittert haben.

Kristallisationspunkt der Revolte war die von Wael Ghonim gegründete facebook-Seite für den Blogger Khaled Said, der 2010 von zwei Zivilpolizisten zu Tode geprügelt wurde. Der Blogger Karim Amer wurde mehrfach festgenommen – seine Seite ist übrigens Christoph Probst und den Geschwistern Hans und Sophie Scholl für ihren Widerstand gegen Hitler gewidmet.

Das Leben der Wachtenblogger ist im Vergleich dazu komplett harmlos. Wir werden nicht bedroht und müssen nicht über Polizeifolter berichten. Die größten Unannehmlichkeiten waren bisher ein Maskulisken-Angriff und ein Anwaltsbrief. Für uns ist das Bloggen ein Hobby, aber auch eine Alternative zur passiven Politikverdrossenheit.

Ich möchte mich damit im Sinne von Macrowikinomics in unser Gemeinwesen Wachenheim einbringen. Mir geht es nicht darum, die Parteien und politischen Gruppierungen abzuschaffen. Vielmehr möchte ich ihr Tun transparenter machen und damit als Teil der „Vierten Gewalt“ an der Meinungsbildung mitwirken. Gleichzeitig will ich aufzeigen, dass es für alle Bürger Möglichkeiten zur Partizipation gibt. „You may say I’m a dreamer“ habe ich schon mal gebloggt. Bei der Weinfest-Community wird der Traum ja jetzt schon Wirklichkeit. Da haben wir allein heute drei neue Mitglieder bekommen.

Advertisements