Heute ist ein guter Tag für die Demokratie und die politische Kultur in Deutschland. Der Rücktritt des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg von seinen politischen Ämtern ist meiner Meinung nach die notwendige Konsequenz aus dem öffentlich sichtbar gewordenen Auseinanderklaffen von Selbstinszenierung und realem Tun des fränkischen (Lügen)barons.

In den Medien gibt es momentan eine lebhafte Diskussion, inwiefern das Internet zum Sturz des Ministers beigetragen hat. Spiegel online titelt zum Beispiel „Affäre Guttenberg: Netz besiegt Minister„, Focus online „Guttenberg Rücktritt: Das Internet als Untersuchungsausschuss„. Die Süddeutsche Zeitung, die am 16. Februar mit einem Artikel die Plagiatsaffäre ins Rollen gebracht hatte, schreibt heute „Der Sturz des CSU-Hoffnungsträgers Karl-Theodor zu Guttenberg wäre ohne das Internet kaum möglich gewesen„.

Gestürzt ist Guttenberg nicht über das Internet, sondern über seinen wissenschaftlichen Betrug und seine Unfähigkeit, dieses Vergehen umgehend und komplett einzugestehen. Beides passt so gar nicht zum inszenierten Bild von der Lichtgestalt, die mit klaren Worten und höchst anständigem Verhalten aus der Masse der bürgerlich-langweiligen Berufspolitiker herausragt.

Allerdings wäre sowohl das Fehlverhalten als auch die Diskrepanz von Bild und Realität ohne das Web 2.0 nicht in dem Maße und der Geschwindigkeit öffentlich geworden, wie es jetzt den Rücktritt unvermeidbar machte. Entscheidend waren nicht die sozialen Netzwerke wie facebook (wo es mehr „Likes“ auf Pro-Guttenberg-Seiten gab) oder Twitter (wo die Guttenberg-Gegner in der Mehrheit waren und heute mit dem Hashtag #Guttbye den Rücktritt feierten).

Ausschlaggebend war das GuttenPlag Wiki. Hier trugen Internet-Nutzer in freiwilliger Kleinarbeit zusammen, welche Passagen der Doktorarbeit aus welchen zuvor veröffentlichten Quellen anderer Autoren stammen. Nachdem die Universität Bayreuth nach der Erstveröffentlichung der Plagiatsvorwürfe angekündigt hatte, die Überprüfung werde viele Wochen dauern, konnte man im GuttenPlag Wiki der Zahl der plagiierten Stellen beim Wachsen zuschauen. Das war ein beeindruckendes Beispiel von Crowdsourcing (offene Vergabe einer Frage oder Aufgabe an die Allgemeinheit) und Collaboration (selbstorganisierte Zusammenarbeit).

Besonders gut zu sehen ist das Ausmaß  des Plagiats im „Interaktiven Guttenberg-Report“ der aus GuttenPlag automatisch erzeugt wird (oben ein Auszug aus Spiegel online). Hier sind alle Seiten mit ungekennzeichneten Zitaten hellrot (beim Abschreiben von mehreren Autoren auf einer Seite dunkelrot) dargestellt. Das Ergebnis erinnert an den Zahnbelags-Färbetest aus der Werbung der 80er: „Ist ja alles rot hier!“

Wer schon einmal wissenschaftlich gearbeitet hat (wie z. B. ich beim Erstellen meiner Biologie-Diplomarbeit), der sieht durch diese transparente Darstellung: Hier geht es nicht um ein paar vergessene Fußnoten oder eine kleine Schummelei. Hier wurde systematisch geistiges Eigentum anderer verwendet. Wenn alle Zitate als solche gekennzeichnet worden wären (und damit die gekennzeichneten Zitate ergänzt hätten), dann wäre klar geworden, dass die Arbeit kaum eigene wissenschaftliche Leistung enthält. Dafür hätte Guttenberg weder die Bestnote „Summa Cum Laude“ noch überhaupt einen Doktortitel bekommen. Wie einem so etwas unbeabsichtigt passieren soll, kann ich mir nicht vorstellen.

Diese Transparenz und die Geschwindigkeit, mit der sie hergestellt wurde, waren meiner Meinung nach ausschlaggebend dafür, dass sich eben nicht nur Oppositionspolitiker und „linke Medien“ gegen Guttenberg stellten. Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine Zeitung stehen wohl nicht im Verdacht, den beliebtesten Unionspolitiker aus Missgunst abschießen zu wollen.

Die „Causa Guttenberg“ hat auch gezeigt, dass es nicht um die Frage „Traditionelle Medien oder Web 2.0?“ geht: Entscheidend war das Zusammenwirken. Der Blog „Netzpolitik.org“ beschreibt es als „spannendes Wechselspiel zwischen vierter und fünfter Gewalt“. Ich teile diese Ansicht: Blogs, Wikis etc. sollten die traditionellen Medien nicht verdrängen (zumindest die, die journalistische Grundsätze befolgen und sauber arbeiten), sondern ergänzen. Die neuen „sozialen“ Medien beeinflussen die Meinungsbildung in den traditionellen Medien, die wiederum die öffentliche Meinung beeinflussen.

Im Kleinen haben wir dieses Phänomen ja schon mehrfach beim Wachtenblog und der Rheinpfalz beobachten können. Immer wieder greift die Dürkheimer Redaktion Themen auf, die wir zuvor gebloggt haben. Das ist kein Diebstahl geistigen Eigentums, sondern ein legaler und erwünschter Vorgang.

Der Fall Guttenberg motiviert mich, in Wachenheim weiterhin genau auf das Verhältnis von Worten und Taten zu schauen. Im Moment werde ich zum Beispiel zunehmend irritiert darüber, dass CDU-Bürgermeister Torsten Bechtel zwar im Amtsblatt vom 11. Februar im Namen des Stadtrats zur Mitarbeit in der Burg-und-Weinfest-Community einlädt – dass es aber seit diesem Tag nur zwei Beiträge eines Stadtrats in der Community gab. Ich hoffe sehr, dass dort Ankündigung und Umsetzung bald wieder zusammenpassen.

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