Jetzt ist er also zurückgetreten, der Baron, in dessen Lebenslauf nur das Geburtsdatum einer näheren Betrachtung standzuhalten scheint. Seine beruflichen Erfahrungen in New York stellen sich als Sprachpraktikum heraus, seine Tätigkeit als freier Journalist bei der Welt ebenfalls, sein Prädikatsexamen war dann doch nur ein befriedigend im unteren Bereich, und die Tätigkeit in der freien Wirtschaft gab es gleich gar nicht, wie der NDR schon bei seinem Amtsantritt als Wirtschaftsminister aufdeckte. Und dann die Doktorarbeit…

Wäre ja eigentlich an der Zeit, die ganze Geschichte ad acta zu legen. Wäre da nicht die Reaktion der Öffentlichkeit. Denn offenbar finden viele Menschen, Guttenberg hätte bleiben sollen oder er solle schnell wieder kommen. Ich finde das erschreckend. Wollen wir belogen und betrogen werden?

Immer wieder heißt es, Guttenberg wäre doch so ein fähiger Minister gewesen. Aber was hat er geleistet? Ja, er hat sich getraut, das Wort Krieg für die Situation in Afghanistan in die Debatte einzubringen. Ansonsten erinnere ich mich nur an das immer wieder imposante und öffentlichkeitswirksame Eingestehen eigener Irrtümer und Fehleinschätzungen.

Und seine Reform (gut, die hat er auch nicht selbst gezimmert, dafür hat er ja ein ganzes Ministerium) beurteilen die Experten aus den eigenen Reihen als „unausgegoren und rudimentär„, vom spektakulären Verfehlen des Sparziels von über 8 Milliarden € ganz zu schweigen.

Und doch finden sehr viele den adligen Glaubwürdigkeitsdarsteller gut, denken, dass er ein prima Politiker sei. Da fange ich an, zu verstehen, wie Berlusconi es in Italien so lange geschafft hat, die öffentliche Meinung auf seine Seite zu ziehen. Da muss einer nur schneidig sein, seine Fehler mit klaren Worten bekennen, eine gut aussehende Frau haben, nicht zu vergessen auch die manipulative Macht der Zeitung für Menschen mit geringem Informationsbedürfnis, und schon ist er unantastbar. Wenn er sich sieben Jahre Zeit nimmt, um zwei Drittel einer Doktorarbeit zusammen zu klauen und dabei erwischt wird – dann ist das eine Hetzkampagne der Neider.

Mehr als einmal habe ich auch gehört, dass Guttenberg ja bestimmt nicht der einzige Spitzenpolitiker sei, der bescheißt. Ja, kann sein. Und? Was soll das denn für ein Argument sein? Man ist ihm auf die Schliche gekommen, man hat ihn erwischt. Und egal, wo man bohrt, man findet immer mehr Dreckwäsche bei von und zu. Sollte das bei anderem politischen Spitzenpersonal ähnlich sein, sollten es gewarnt sein. Denn in den nächsten Wochen werden sicher noch mehr Dissertationen durchleuchtet. Das gab es schon in Foren und bei Twitter zu lesen. Jetzt werden sicher wieder Leute frage, ob „diese Leute“ nichts besseres zu tun haben. Nun, ich frage mich eher, warum es Journalisten gibt, die nichts besseres zu tun haben, als über ein Massenmedium den Kult des großen Mannes zu betreiben.

Das Phänomen Guttenberg ist meiner Meinung nach eine Gefahr für die Demokratie, denn hier bekommt ein Politiker nicht aufgrund seiner Leistungen Zustimmung, sondern nur aufgrund seines Auftretens. Es macht auch deutlich, in welchem Ausmaß Wissenschaft gesellschaftlich verachtet wird und wie gering geistiges Eigentum geschätzt wird. Gut, davon weiß die Musikindustrie seit Jahren ein Liedchen zu singen.

In ein paar Wochen müssen wir in Rheinland-Pfalz wieder unsere Kreuzchen machen, in Wachenheim glücklicherweise erst in ein paar Jahren. Müsste ich schon am kommenden Wochenende ankreuzen, wüsste ich nur, wo nicht. Vielleicht ist es ja naiv oder realitätsfremd, aber die Plakate der Parteien und Vereine sind mit ihren Parolen reichlich inhaltsfern und eher abschreckend. Und dann ist da noch das ungute Gefühl, dass in ein paar Wochen all die Leute wählen gehen, die einem dreisten Hochstapler politische Leistungen andichten, die er nie vollbracht hat.

Hab ich gerade eigentlich nichts besseres zu tun, höre ich geradezu durch den Äther dringen. Nein. Aber das ist angesichts der im Hintergrund laufenden Übertragung Bayern – Schalke (0:1 noch nach 54 Minuten) sicher Definitionssache.

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