Nachdem wir Freizeitblogger in den Bereichen Informieren und Kommentierten in den vergangenen 21 Monaten reichlich tätig waren, wollen wir nun auch in einem Sektor wildern, der ansonsten eher Freizeitpolitikern vorbehalten ist: wir orakeln.

Wenn schon, denn schon, dachten wir uns, und haben Kosten, nicht jedoch Mühen gescheut, um unsere Prognosen zu erstellen. Zu den Methoden:

1. Die Kaffeesatzleserei. Sicher die einfachste aller Tätigkeiten, die jeder auch ohne jegliche mediale Begabung erlernen kann, ja sogar mit minimalen Qualifikationen in promptu beherrscht.  Hier der Beweis: Lesen Sie folgenden Satz: Dies ist ein Kaffeesatz. Tada – schon sind Sie ein Kaffeesatzleser.

2. Das Tintenfisch-Orakel. Wir haben uns in Oberhausen einen in Formalin eingelegten Tintenfisch mit Orakelvergangenheit besorgt, der mit einem Fisch vor allem die Gesprächigkeit gemein hatte, ansonsten mindermitteilsam war und in seiner Regungslosigkeit für das Spiel Deutschland – Australien ein torloses Unentschieden vorher gesagt hat. Damit war er zwar näher an der Realität als man hätte ahnen können, für unsere Zwecke haben wir das Tintenfisch-Orakel dann doch nicht bemüht.

3.  Das Kasperl-Orakel. Eine wie wir finden äußerst passende Form der Divination. Man steckt eine Hand in eine Kasperlpuppe (es muss nicht der Kasperl sein, es kann auch der Teufel oder das Krokodil oder der Sockenmann sein) und spricht mit verstellter Stimme.

Selbstredend spricht der Kasperl nicht von selbst. Ein mitteltiefe Trance, wie sie etwa der fastenzeitliche Verzicht auf Süßigkeiten und Alkohol induzieren kann, muss schon erreicht werden.

Und also sprach das Kasperle: „Erst mal die restlichen Finger schön krümmen, sonst habe ich so ’ne seltsame Auswuchtung am Bauch….oh, Wachenheim…ich sehe Bilder…ich sehe Bilder von Gebäuden…ich sehe Menschen, die sich ihre eigenen Gedanken über diese Bilder machen wollen…aber ich sehe auch Menschen, die wollen, dass alle Anderen ihre eigenen Gedanken zu den Bildern denken sollen…ich sehe Menschen, die mir vom Teufel haben ausrichten lassen, dass sie mir die Pritsche wegnehmen, wenn ich ihre Namen nenne, die diese Bilder fotografieren und sie dann veröffentlichen…diese Menschen wollen ins Gespräch, kommen aber nur ins Gerede…mit den Bildern wollen sie den Menschen vorgaukeln, dass ein Supermarkt mitten in den Ort gehört – und als Aquarell auch viel besser aussieht als ein gezeichnetes Hotel…“

An dieser Stelle ist wohl eine Interpretation des zusammenhangsarmen Geredes angebracht: Mit Bildern könnte das Orakel so ziemlich alles meinen. Sollten etwa die Ergebnisse des studentischen Ideenwettbewerbs zur Pfortenstückbebauung gemeint sein? Denkbar. Sollte etwa irgendjemand mit diesen Bildern Stimmung gegen die Ideen und die Auslober machen wollen? Gar in Form einer Vereinsschrift? Kaum vorstellbar. Schliesslich ist ein Supermarkt im Pfortenstück so gründlich abgelehnt, sowohl unter den Wachenheimern als beim Denkmalschutz, dass sogar seine Verfechter den Blick nun endlich nach vorne richten sollten.

Also sprach das Kasperle: „Ich sehe Kinder mit glänzenden Augen…ich sehe Schokoriegel…Ich sehe Kinder mit glänzenden Augen…ich sehe Cola-Dosen…Ich sehe Kinder mit glänzenden Augen…ich sehe Kartoffelchips…ich sehe Kinder mit glänzenden Augen…ich sehe einen Schwimmbad-Kiosk…oder habt ihr Schwachköpfe gedacht, ich sehe einen Supermarkt neben einer Schule?…damit ich so einen Schwachsinn sehe, müsst Ihr seltsames Zeug rauchen und 10 dicke Schorle trinken…“

Nun, wir können nur ahnen, dass es bei dieser Orakelpassage ums Schwimmbad geht. Scheint so als könnte ein neuer Pächter für den Kiosk gefunden werden. Und ein Supermarkt neben der Schule? Ich bitte Sie! Das wäre ja für Kinder wie ein Schwimmbad-Kiosk, für den sie keinen Eintritt zahlen müssen. Wer käme denn auf so eine abstruse Idee?

Und also sprach das Kasperle: „…ich sehe ein Haus…so ein Haus ist schwer zu übersehen, ich bin ja nicht blind…ich sehe Eis und Pizza…halt, ich soll ja nicht in die Vergangenheit blicken…also, ich sehe kein Eis und keine Pizza mehr…ich sehe auch gar kein Haus mehr…ich sehe direkt auf einen häßlichen Anbau an einem Altersheim…“

Spätestens hier müssen wir raten. Sollte das Kasperle etwa den Abriss der ehemaligen Pizzeria an der Ampelkreuzung noch fürs Frühjahr vorhersagen? Gewagte Hypothese.

Und also sprach das Kasperle: „Ich sehe Kinder an mir vorbeigleiten…wenn ich auf der anderen Seite des Mäuerchens stünde, sähe ich, dass sie auf einem Skateboard stehen…ich sehe den Lärm, den die Skateboards machen, nicht…oder können Sie Lärm sehen…ich sehe genervte Anwohner…ich sehe keinen Skaterplatz…ich sehe Stadträte, die auch keinen Platz dafür sehen…“

Was das Kasperle heir faselt, bleibt der wissenschaftlichen Analyse völlig verschlossen. Sorry.

Und also sprach das Kasperle: „Ich sehe angetrunkene Menschen…ich sehe Verdruss…ich sehe kein stringentes Konzept…ich sehe Ideen…ich sehe Menschen, die die Ideen zwar nett finden, sie aber geflissentlich ignorieren…ich sehe, dass kaum jemand bereit ist, etwas Altes für etwas Neues aufzugeben…ich sehe, dass ich wohl wieder beim Seppel bleiben muss, wenn der Typ an der Hand an dem Finger in meinem Kopf bei Zimmermann im Hof sitzt und Wein trinkt…ich sehe im Wörterbuch nach, was stringent eigentlich heißt…“

Wenn nicht der Hinweis mit Zimmermann wäre, hätten wir nie geahnt, dass es hier ums Weinfest geht. Aber da soll ja alles besser werden, also scheint hier Kasperles drittes Auge getrübt zu sein.

Und also sprach das Kasperle: „Ich sehe Einsen und Nullen…Computer…Nullen an Computern…ich sehe Landschaften…blühende Presselandschaften…virtuelle Pluralität in Wachenheim…ich sehe pompöse Ansprüche…das Ende von Blogs und Zeitungen…marginalisiert durch ein Online-Medium nie dagewesener Gesetzeskonformität…ich sehe wohl in ein Paralleluniversum…“

Ja, die Tage der klassischen Printmedien sind gezählt. In kaum 50 Jahren werden sie wohl verschwunden sein. Und auch Blogs werden bis dahin von flüchtigeren oder profunderen Ausdrucksformen der Mitteilsamkeit abgelöst worden sein. Man sollte das Kasperle nicht allzu ernst nehmen, wenn es bahnbrechende und wegweisende neue Medien für Wachenheim ankündigt. Neu könnten sie freilich sein.

Und also sprach Kasperle: „Ich sehe einen Ort voller Harmonie…ich sehe Menschen, die einander zuhören und gemeinsam arbeiten…ich sehe Menschen, denen spalterische Schriften wesensfremd sind…“

Eigentlich hatten wir ja gedacht, dass sich Kasperle mit Wachenheim beschäftigt, aber nun scheint er ins Königreich Bhutan abgedriftet zu sein, wo das Glück der Landeskinder oberstes Ziel der Verfassung ist. Und so beenden wir jegliche Versuche, das Frühjahrsgeschehen in Wachenheim zu orakeln ohne greifbares Ergebnis und mit gammeligen Tintenfisch auf dem Tisch.

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