Replik auf Franks Beitrag „Die Partei – oder die Erotik der Macht„.

Spannendes Thema, lieber Frank, die Politik und die Macht. Ich habe zu Deinem jüngsten Beitrag einen Kommentar angefangen, aber der wurde so lang, dass ich ihn hier als Beitrag poste.

Bei dem Wort „Macht“ habe ich auch gezuckt. Wenn man Macht mit Gestaltungsvermögen übersetzt, ist es eine notwendige Voraussetzung, um Politik zu machen.

Wie ich unsere Politik erlebe, geht es aber vorrangig um das Durchsetzen von ideellen ideologischen Zielen, und um persönliche Vorteile. Krasses Beispiel: Die US-Politiker hätten gerade um ein Haar ihr Land im Sinne ihrer jeweiligen Ideologie in die Zahlungsunfähigkeit schlittern lassen.

Ich kenne auch Leute, die aus sachlichen und ideellen Gründen in die Politik gegangen sind. Nur sind die auf dem Weg an die Schalthebel von denen überholt worden, die von Ideologie und Egoismus getrieben sind – und dazu noch geschickte Taktierer sind.

Ich glaube, dass diese Effekte früher oder später in jeder Partei eintreten werden. Darum bin ich skeptisch, dass man das System von innen heraus ändern kann. In den vergangenen wenigen Jahren habe ich immer stärker das Gefühl, dass sich an unserem Politik- und Machtsystem etwas ganz Grundlegendes ändern muss.

Angeregt haben mich mehrere Bücher, u. a. Makrowikinomics, das ich gerade lese (mit Unterbrechungen, weil es keine leichte Kost ist). Die Grundidee ist, dass wir die kollaborativen Mechanismen z. B. eines Wikis, die jetzt schon in Unternehmen genutzt werden, auf andere Bereiche wie z. B. Gesundheitswesen und auch auf politische Systeme übertragen sollten.

Dazu passt ein Beitrag von Euan Semple, einem sehr einflussreichen britischen Blogger. Er hat Social Media bei der BBC eingeführt und gibt sein Wissen jetzt als Berater weiter. Anlässlich der Unruhen in England hat er darüber reflektiert, dass nicht mehr einzelne Entscheider die Menschen als Masse begreifen dürfen. Wir müssen uns alle als ein Individuum unter vielen sehen und die Gestaltung unserer Welt als gemeinschaftliche Aufgabe angehen.

Ich kann den Blogbeitrag sehr empfehlen (hier geht’s direkt dahin).

Noch ein letzter Gedanke: Das Grundprinzip der Demokratie stammt aus der Antike, wo ein Großteil der Bevölkerung komplett ungebildet und daher gar nicht zur Meinungsbildung fähig war. Auch zur Zeiten der französischen Revolution gab es noch ein sehr großes Bildungsgefälle in der Gesellschaft. Jetzt leben wir in einer Zeit, in der die etablierten Institutionen mehr und mehr versagen – und das Web 2.0 uns gleichzeitig die Möglichkeit gibt, viel mehr Menschen (die sich im Bildungsgrad deutlich weniger unterscheiden als vor Jahrhunderten) in einem kollaborativen Gestaltungsprozess einzubinden.

Bei einer Partei würde ich nur mitmachen, wenn sie diesem Gedanken Rechnung trägt.

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