Müde sieht er aus, als er den Raum betritt. Schwarze Augenringe schmücken sein Gesicht. Und auch die Falten scheinen mehr geworden zu sein. Manfred Storck, unser protestantischer Pfarrer, hat schwere Tage hinter sich, als er die Presbytersitzung eröffnet.

Seit der Sperrung der Burgstraße und dem Aufbau des Gerüsts an der Kirche ranken sich die wildesten Gerüchte um den Zustand der Kirche und daran ist Franks Artikel zum ersten April vielleicht nicht ganz unschuldig. Viele werden jetzt meinen, dass es ein kleineres Problem gab, welches mittlerweile – wie auch das Gerüst – schon wieder verschwunden ist. Leider falsch. Es diente lediglich zur Kontrolle des entstandenen Schadens und der Entfernung des lockeren Gerölls. Fakt ist, dass das Dach der St.-Georgs-Kirche mittlerweile meint sich sportlich betätigen zu müssen und den Spagat macht. Das heißt: Die Balken des Dachstuhls drücken die Mauern langsam nach außen.

Warum passiert so etwas? Anscheinend wurde in den 60er Jahren, als der heutige Dachstuhl der Kirche geschaffen wurde, nicht ganz sauber gearbeitet. Zum Beispiel wurde Dämmmaterial an Stellen genutzt, wo die tragenden Balken des Dachstuhls in die Mauer übergehen. Dies sorgte für Feuchtigkeit und dadurch fingen die Balken an zu faulen. Und leider machte auch der Holzwurm vor ihnen nicht halt.

Das Ganze hat wiederum zur Folge, dass im Gegensatz zu den kosmetischen Baumaßnahmen, die in den letzten 10 Jahren an der Kirche vorgenommen hat, diesmal eine große Sanierungsmaßnahme vorgenommen werden muss, von der man wahrscheinlich danach nicht einmal etwas sieht.

Erste Schätzungen, was eine Öffnung und Sanierung des Dachstuhls kosten würde, liegen bei 300.000 €. Das übersteigt die Rücklagen für Reparaturen der evangelischen Kirche, die seit 2011 von der Kirche gebildet wurden, um ein Zwanzigfaches. Das Gutachten, welches das genaue Schadensbild bzw. die Kosten der Sanierung beinhaltet, wird noch erwartet.

Herr Storck eröffnet die Presbytersitzung mit einem Gemälde von Rembrandt. „Sturm auf dem See Genezareth“ zeigt ein Segelschiff im Sturm. Mit dem Steuermann Jesus, der vom Sturm vollkommen unbeeindruckt, den Wellen trotzt und laut Geschichte alle Mitfahrer nach dem Ende des Sturms wegen ihres Kleinglaubens tadelte, da diese nicht glaubten das Unwetter zu überleben.

Und plötzlich, während Herr Storck dieses Bild beschreibt, das Problem vor dem dieses Schiff stand und wie es dieses überwunden hat,  findet eine Veränderung statt. Eine Energie umfasst den Raum und die dort sitzenden Menschen. Eine Energie, die Dinge verändert. Eine Energie, die auch den kaputten Dachstuhl der Kirche als nur kleine Hürde erscheinen lässt.

Seit dieser Sitzung setzt Pfarrer Manfred Storck alle Hebel in Bewegung, um die Herausforderung, die ihm und der ganzen Kirchengemeinde gestellt wurde, zu bewältigen. Da die baulichen Ursprünge der Kirche auf das 11. Jahrhundert zurückgehen, hofft man auf Unterstützung durch den Denkmalschutz. Die Pfadfinder sagten ihre Unterstützung zu und verkauften schon beim Kräutermarkt und beim Go-Special Bratwürste, um die Kirche finanziell zu unterstützen.

Auch Jürgen Bohl sammelt während des Weinfests beim Bratwurstbraten nebenbei noch Spenden. Und sogar die Presbyter sah man schon am frühen Sonntagmorgen durch den Pfarrhof tingeln, um alles für das Gustav-Adolf-Fest vorzubereiten, dessen Einnahmen auch der Kirche zu Gute kamen.

Wenn man dementsprechend jetzt unseren Pfarrer über das Weinfest laufen sieht, sieht man wieder die Hoffnung in seinen Augen. Man spürt die Energie. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass er Anlauf nimmt.

Für diese eine kleine Hürde.

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