V

Der mittelalterlichen Geheimwissenschaft galt das ‚V‘ als schrecklich. Es galt als Zeichen für Entfremdung und Trennung, als Zeichen für Hass und Streit. Und in der Tat – das ‚V‘ gabelt sich, das ‚V‘ strebt auseinander.

Es ist wie der Krater des Vesuv, wie der Krater eines Vulkans geöffnet, der Feuer und Asche speit.

Das ‚V‘ ist das böse Versteck der Viper, der Sitz des Verdrusses, der Treffpunkt der Verräter, der Streitplatz böser Verwandter und der Verbannungsort der Verfluchten und Verbrecher.

In das ‚V‘ haben sich die ganze Vergangenheit, die Vorwelt und die sämtlichen Vorfahren zurückgezogen. Es ist der Platz des Verfalls und der Scherbenberg der Verwesung. In seinen beiden Schenkeln zuckt der Veitstanz, der durch die Gassenmittelalterlicher Städte raste und tobte. Es ist der Ausgangspunkt der Vaganten und Vagabunden, die die Strassen und Landschaften bettelnd und lärmend durchzogen. Das ‚V‘ ist ein Stück des Visiers, mit die Ritter der Turniere ihr Gesicht vergitterten. Der blutsaugende Vampir, der gefürchtete Nachtmar des Aberglaubens, hängt im harten Steinspalt des ‚V’eingekrallt. Dieser Buchstabe hat das Blasende, Fauchende, Huschende, und Spöttische des mittelalterlichen teufels, Junker Voland, der Schreckende, genannt! Das ‚V‘ ist auch der spitze umgestülpte Huteines strengen Vogtes dessen Zwingburg auf hohem Hügel stand.

Vieles Böse, Quälende, Niederträchtige und Schlimme beginnt mit ‚V‘ – das Verderben, der Verrat, das Verbrechen, die Verwahrlosung, das Verließ, der Verlust, das Verhängnis, die Vergeudung, die Verblendung, die Verschlechterung, das Verbot, die Verführung, der Verfall, die Verachtung, das Verschwinden, der Verweis, der Verzicht. Das ‚V‘ ist nebst dem ‚K‘ und ‚Z‘ der Buchstabe, darin die meisten Romane des Schmerzes und des Kummers liegen.

Besser zeigt sich das ‚V‘ in Verbindung mit ‚O‘ in der Silbe ‚vor‘. Das’O‘ schenkt dem ‚V‘ Fülle, während das ‚E’dem ‚V‘ fast nur Elend und Entbehrungen, Enttüschungen und Entsetzlichkeiten bringt. ‚V‘ und ‚O‘ verbinden sich zu würdigen, nützlichen und oft angenehmen Dingen. Das ‚O‘ füllt das ‚V‘ mit Vorrat, es verleiht ihm Vorsprung und Vorrecht vor anderen, es schenkt ihm Vorteile und Vorzüge, die Vorsehung schwebt über ihm, es hilft ihm durch Vorschub und malt in sein Gesicht Vornehmheit und auch Vorsicht.

Das ‚V‘ zeigt sich aber hübsch und lieblich, wenn es die Form einer Vase annimmt. Es ist das geöffnete Bett der Venus, der Göttin der Liebe.Das’V‘ hat die Form und den Keil eines ganzen fliegenden Vogelzugs.

Es sieht aus wie eine Scheide, wie die Schote(Vagina) der Vanille. Es hat Ähnlichkeit mit einem Ventil, durch das Sturmwind, der ventus der Lateiner, streicht.

Durch seine Pforte strömt die Riesenmasse des Volkes.

Das ‚V‘ ist einkräftiger, harter und vorwärtsstürmender Buchstabe. Die ganze Kraft des Mannes muss bei seinem Laut eingesetzt werden. Das Latein, bevorzugt das ‚V‘: Im Latein heisst das Leben vita, die Kraft vis und der Sieg victoria.

‚V‘ bedeutet ausserdem die Zahl fünf.

Und die Fünf war Mars, dem Gott des Krieges und der Schlachten, beigeordnet.

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