Juli 2015


Heute tagte der Rat der Verbandsgemeinde Wachenheim zum ersten Mal regulär unter dem frisch gewählten Verbandsbürgermeister Torsten Bechtel. Es war ein relativ ruhiger Einstieg, was auch an den wenig brisanten Themen lag. Zwar gab es kleine Nicklichkeiten durch Mitglieder von SPD und FWG. Es wurden dann aber alle wesentlichen Anträge ohne Gegenstimme beschlossen. Und der Bericht des Bürgermeisters zeigte auf, dass die Verbandsgemeinde für Aufgaben gefragt ist, die unsere kleinen Streitigkeiten noch absurder erscheinen lassen.

Die Nicklichkeiten starteten gleich zu Beginn: Hans-Jürgen Häfner (SPD) schlug vor, dass über die Dienstaufwandsentschädigung für den Verbandsbürgermeister nicht in der heutigen Sitzung beschlossen würde, sondern das Thema zunächst im Haupt- und Finanzausschuss behandelt würde. Der 1. Beigeordnete Helmut Rentz (auch SPD) entgegnete, er habe beim Ansetzen dieses Themas keinen zusätzlichen Diskussionsbedarf gesehen – schließlich habe Udo Kittelberger, Bechtels Vorgänge im Amt, denselben Höchstbeitrag erhalten wie er jetzt vorgeschlagen sei. Marcus Scholz (CDU) plädierte dafür, im Sinne einer schlanken Verwaltung das Thema jetzt ohne zusätzlichen Aufwand zu entscheiden.

Worum es bei der Diskussion ging? Die Dienstaufwandsentschädigung ist eine zusätzliche Zahlung an den hauptberuflichen Bürgermeister, die Aufwände zum Beispiel für die Teilnahme an Veranstaltungen ausgleichen soll. Zur Diskussion stand ein Betrag von 196,85 Euro pro Monat. Über die Fähigkeit – oder Willigkeit – des Rates, über diese Summe ohne Ausschluss-Behandlung zu entscheiden, wurde abgestimmt. CDU (ohne den bei dieser Frage befangenen Torsten Bechtel) und FDP lagen mit 10:9 Stimmen vor SPD und FWG.

Wenn also nicht im Finanz- und Hauptausschuss über die Dienstaufwandsentschädigung beraten werden konnte – gab es dann eine intensive Aussprache im Verbandsgemeinderat? Nö. Es gab keinen Redebeitrag, die Aufwandsentschädigung wurde bei drei Enthaltungen einstimmig angenommen. Torsten Bechtel, der wegen Befangenheit die Sitzungsleitung an Helmut Rentz übergeben hatte, hatte sich kaum in die Zuschauerränge gesetzt, als er schon wieder nach vorne gehen konnte.

Nach diesem missglückten Versuch einer Machtdemonstration von SPD und FWG ging es deutlich einmütiger weiter. Einstimming angenommen wurden:

  • die Erhöhung der Aufwandsentschädigung für die freiwilligen Feuerwehrleute um 3,3%
  • die Betreuungsordnung der betreuenden Grundschulen
  • eine 300-Euro-Spende der Sparkasse Rhein-Haardt für das Außengelände der Grundschule Friedelsheim-Gönnheim

Diskussionen gab es zum Antrag der Wachenheimer Grundschule, den Namen der Bildungseinrichtung von Kurpfalzschule (der Name galt früher für die Grund- und die weiterführende Schule, die jetzt unter IGS Wachenheim-Deidesheim firmiert) zu ändern in „Grundschule an der Wachtenburg“. Wolfram Meinhardt (FWG) beklagte eine Namensverwirrung: Mit dem Namen „Kurpfalzschule“ würden Kinder nichts verbinden (er hatte das mit seinem eigenen Nachwuchs getestet), und es fehle ein Name für das Gebäude, das beide Schularten beherberge. Klaus Huter sah in dem vorgeschlagenen Namen ein „phonetisches Problem“. Die Grundschule, so der SPD-Politiker, läge gar nicht an der Wachtenburg, sondern ein gutes Stück davon entfernt.

Arnold Nagel (FWG) stellte den Bezug des bisherigen Namens zum historischen Hintergrund dar – und betonte gleichzeitig, dass ihm die hohe Qualität der Schule viel wichtiger sei als der Name. Auch Marcus Scholz (CDU) wies darauf hin, dass Wachenheim anders als andere Pfälzer Gemeinden Teil der Kurpfalz war. Diese Bemerkungen haben mich neugierig gemacht. Als Zugezogene habe ich den Begriff Kurpfalz kennengelernt als Bezeichung für die Gegend rund um Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen. Wachenheim habe ich nicht diesem Landstrich zugeordnet, sondern der „echten Pfalz“. Angeregt durch die heutige Diskussion habe ich jetzt mit Wikipedia gelernt, dass der Begriff Kurpfalz im historischen Sinne die kurfürstliche Pfalzgrafschaft bezeichnet – einen bis 1803 existierenden Teil des heiligen Römischen Reichs. Dies war keine zusammenhängende Region, sondern ein Verbund von kleineren Territorien. Dazu gehörte sogar die Oberpfalz, die im Nordosten des heutigen Bayern liegt. Der Wortteil „Kur“ kommt daher, dass der oberste Herrscher der Kurpfalz, der Pfalzgraf, ein Kurfürsten war und damit an der Wahl des römisch-deutschen Kaisers teilnehmen durfe.

Für historische interessierte Erwachsene bietet also der Name Kurpfalz-Schule tatsächlich interessante Anknüpfungspunkte. Aber für Grundschüler? Um deren Interessen ging es Schulrektorin Claudia König, als die die Initiative zur Namensänderung startete. Sie wolle nicht die historischen Tatsachen negieren, die auch nach wie vor im Unterricht vermittelt würden. Die Schule wünsche sich jedoch „einen Namen, unter dem die Kinder sich etwas vorstellen können“. In der Diskussion mit Elternvertretern, Lehrkräfen und Schülern habe sich da eben die überall im Ort präsente Wachtenburg ergeben. Wie greifbar dieser Begriff für die Kinder ist, wird man auch merken, wenn über verschiedene Logo-Vorschläge für die Schule abgestimmt werden wird. Für die „Grundschule an der Wachtenburg“ kann man Mauern und Turm, Ritter und Burgfäulein zeichnen. Wie bitte setzt man „Kurpfalz“ grafisch so um, dass es Kinder verstehen?

Die Abstimmung verlief dann wieder eindeutig: die Initiative zur Namensänderung würde ohne Gegenstimmen angenommen, bei vier Enthaltungen. Ich freue mich über die Namensänderung, und meine achtjährige Tochter jubelte begeistert über die Nachricht, dass sie demnächst auf die Grundschule an der Wachtenburg“ geht.

Wo wir schon bei historischen Bezügen sind: Ich habe neulich durch eine Hausarbeit meiner großen Tochter gelernt, dass die Pfalz im 17. und 18. Jahrhundert ein Auswanderungsland war. Eine kleine Minderheit der Auswanderer wurden in der Pfälzer Heimat politisch verfolgt, z. B. weil sie am Hambacher Fest teilgenommen hatte. In überwiegender Mehrheit waren die Auswanderer jedoch verarmte Kleinbauern und Tagelöhner, die man heute vielleicht Wirtschaftsflüchtlinge nenne würde. Sie wanderten vor allem nach Amerika und Russland aus. In dieser Zeit gab es einen von Ex-Pfälzern behwohnten Ort namens Kandel in der Nähe von Odessa, und die deutschen Einwohner wurden in Teilen der vereinigten Staaten nach der zahlenmäßig vorherrschenden Volksgruppe „Palatines“ genannt.

Wer diesen Teil der Pfälzer Geschichte kennt, der hörte vielleicht etwas genauer zu, als Torsten Bechtel in seinem „Bericht des Bürgermeisters“ das Thema Flüchtlinge ansprach. Zunächst äußerte er sich kritisch über die Politik auf Bundesebene: 50 % der Flüchtlinge kämen vom Balkan, bei wiederum nur 1 % von ihnen würde das Asylgesuch anerkannt. Trotzdem würden alle erst einmal auf die Gemeinden verteilt. „Die Kommunen werden hier allein gelassen“, klagte der Verbandsbürgermeister. „Nichts desto trotz heißen wir die Flüchtlnge hier willkommen“, hob er gleich darauf hervor. Bechtel lobte das Engagement von ehrenamtlichen Flüchtlingebetreuern, die es zum Beispiel in Ellerstadt und Wachenheim gebe.

Engagement und Unterstützung sei mehr denn je gefragt, denn im Laufe des Jahres wird die Verbandsgemeinde noch 63 Flüchtlinge aufnehmen. Es folgte ein dringender Appell, Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Neben Wohnungen seien auch Gewerbeimmobilien denkbar. Die Kommune könnte auch dabei helfen, ältere Immobilien in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen. „Bisher ist es bei uns aufgegangen mit dem Wohnraum“, sagte Bechtel. „Jetzt wird es aber eng, und wir müssen schon über Containerlösungen nachdenken.“

Angesichts der gewaltigen und nicht einfach wegzupolemisierenden Aufgabe, den Flüchtlingen ein würdiges Leben bei uns zu ermöglichen, erscheinen die Nicklichkeiten im Verbandsgemeinderat kleingeistig und absurd. Gut dass sie die Ausnahme blieben in einer sonst sachlichen Diskussion. So bedankte sich Torsten Bechtel auch am Ende des öffentlichen Teils „für den Verlauf der Sitzung“.

Liebe Verbandsgemeinderats-Mitglieder aller Parteien, machen sie konstruktiv weiter und konzentrieren sie sich auf das Gemeinwohl und die Aufgaben, die es zu lösen gilt.

Engagierte Bürger haben auf Grund des kritischen Artikels zum kirchlichen Engagement für die Festivitäten im Wachenheimer Jubeljahr 2016 sich mit dem Wachtenblog in Verbindung gesezt und darauf hingewiesen, dass sehr wohl grössere kirchliche Aktivitäten in Planung sind.

So war die Darstellung es gäbe lediglich einen ökumenischen Gottesdienst nicht ganz richtig.

Richtig ist, dass ein ökumenisches Fest in Planung ist. Hierzu haben wohl schon Gespräche der verantwortlichen Priester und Pfarrer stattgefunden, um einen Rahmen für den Event zu finden.

Ich finde das ausgesprochen löblich, dass auch von dieser Seite Aktivitäten für das grosse Jubeljahr eingeplant sind.

Wie wir schon mehrfach auf dem Blog erwähnten, und wie auch heute aus der Rheinpfalz zu entnehmen ist, wird 2016 in Wachenheim ein ziemliches Jubeljahr.

Mannigfaltige Tätigkeiten, Ausstellungen, neue Feste, alte Feste aufgepeppt, Musik, Kunst. Die gesamte Palette ehrenamtlicher Aktivitäten wird von den sehr engagierten Wachenheimer Bürgern und Vereinen abgedeckt.

Na ja. Fast.

Es gibt da zwei Institutionen, die auf Grund Ihrer grossen Mitgliederzahl geradezu prädestiniert wären, sich am bunten Treiben 2016 in erhöhtem Mass zu beteiligen. Zudem sind diese beiden Institutionen wohl noch in der tollen Lage durch die hohe Zahl der Mitglieder und den daraus resultierenden finanziellen Ausstattungen, es so richtig krachen zu lassen.

Eine der Institutionen gibt es in Wachenheim schon fast so lange, wie Wachenheim selbst. Die andere deckt des Wachenheimers liebste Leidenschaften ab.

Exakt. Die Kirche und der Sportverein. Das dynamische Duo Deutschlands und Wachenheims.

Leider ist aber genau von diesen beiden in der Planung und Ideenfindung bisher nichts beigetragen worden. Zumindest nichts, was meines Erachtens dem Anlass gerecht würde. Die evangelische Kirche hat von einem ökumenischen Gottesdienst gesprochen, die katholische liess dann wohl die evangelische für sich sprechen, was selten genug vorkommt, und der TUS sieht keine Möglichkeiten, wohlgemerkt bei über 1000 Mitgliedern!

Das empfinde ich als sehr schade, gerade doch weil diese beiden die Herzen der Menschen berühren sollten und könnten.

Liebe Kirche und lieber TUS gebt euch einen Ruck. Im Zweifelsfall macht ein Benefizspiel oder eine Ausstellung über die Rolle der Kirche in Wachenheim unter besonderer Berücksichtigung der Erfolge Wachenheimer Sportler, oder was auch immer. Es wäre schade und arm, wenn dieses einmalige Jubiläum ohne Eure Beteiligung stattfände!

Arsch hoch!!

Heute morgen habe ich mal wieder Einsicht in die ultimative Weisheit von Landesämtern und deren Verwaltungsexperten bekommen. Die an sich einfache Frage, welche Lehrerinnen die zukünftigen dritten Klassen unserer Grundschule unterrichten sollen, ist komplizierter als gedacht geworden. Alle diesmal etwas komplexeren Überlegungen (ein Lehramtsanwärter und seine Mentorinnen sollten sinnvoll eingeteilt werden) wurden komplett über den Haufen geworfen – das Landesamt forderte eine der beiden Lehrerinnen als „Feuerwehrlehrerin“ für eine andere Schulen an. Der Hintergrund: Wer an einer Grundschule in Rheinlandpfalz eine Planstelle bekommt, muss unterschreiben, innerhalb der ersten fünf Jahre als „Feuerwehr“ abrufbar zu sein. Die Stelle bleibt dabei aber organisatorisch an der Schule. Diese Stellen sind an bestimmte Schulen gebunden, Wachenheim ist eine davon. Schon im vergangenen Jahr forderte das Landesamt die Lehrerin aus Wachenheim an, da sie aber gerade eine Klassenleitung übernommen hatte, konnte das Ganze fachlich begründet abgewendet werden. Jetzt geht das nicht mehr. Die Lehrerin ist wieder angefordert worden und muss fürs erste an einer anderen Grundschule aushelfen. Soweit so gut. ABER…um diese Lehrerin zu ersetzen, musste jetzt unsere Grundschule eine andere Lehrerkraft anfordern, die als Feuerwehr aushilft. Jegliche Logik scheint außer Kraft zu sein, wenn Verwaltungsfachkräfte walten (ja, ich erinnere mich noch an den Wahlkampf in der VG, als SPD und FWG eben solche Verwaltungsexpertise als unabdingbar für die Leitung einer Behörde hielten – na danke). Und natürlich können die Schulen vor Ort nichts machen. Schon gar nicht vorschlagen, dass die neue Kraft gleich an die Schule „in Not“ geht und die Wachenheimer Lehrerin hier bleibt. Ein schöner Verwaltungsakt, direkt aus Schilda importiert. Gut nur, dass es erst mal nicht zu Lasten der Kinder geht. Die bekommen zur dritten Klasse ein neue Lehrerin.

In den letzten Monaten habe ich mich relativ rar gemacht auf dem Blog. Der Hauptgrund dafür ist, dass ich ein üppiges Pensum Radtraining durchgezogen habe. Das wiederum war nötig, um einen Radmarathon vernünftig bestreiten zu können, nämlich La Marmotte. La Marmotte gilt neben dem Ötztaler Radmarathon als eines der härtesten Radrennen, das offen für alle ist, die ihre Fitness dafür von einem Arzt attestiert bekommen. In diesem Jahr waren dabei der Col du Glandon, die Lacets de Montvernier, der Col du Mollard, der Col de la Croix de Fer und der legendäre Anstieg von Alpe D’Huez zu bewältigen – über 5100 Höhenmeter auf schließlich 181 km.

Minuten vor dem Start.

Minuten vor dem Start.

Das Profil der Radtour.

Das Profil der Radtour.

7500 Teilnehmer – von vielen Menschen auch Verrückte genannt – starten zwischen 7 und 8 Uhr morgens und gut 4600 (in diesem Jahr) kommen zwischen 13 und 22 Uhr im Ziel an. 47 der Ankommer kommen aus Deutschland (zum Vergleich 1230 aus Dänemark), davon zwei aus Wachenheim.

Drei vom „Team Wachenheim“, Martin Conrad, Christoph Jost und der Schreiber dieser Zeilen standen am Start. Christoph bekam allerdings auf dem Gipfel des ersten Anstiegs, dem Col de Glandon, solche Magenprobleme, dass er umdrehen musste. Da wir eine Wohnung im Zielort gemietet hatte, musste er trotzdem noch nach Alpe D’Huez hochfahren, kam also auch locker auf mindestens 2200 Höhenmeter  bei knapp 80 km. Doch von Anfang an.

Als wir am späten Donnerstagabend unsere Wohnung in Alpe D’Huez bezogen hatten, sind wir noch auf einen Kaffee rausgegangen. Oben im Ort wimmelte es von Marmotte-Teilnehmern – scheinbar alle aus Dänemark, England oder Holland. Und alle in Feierlaune mit Bier und extrem guter Laune. Am Freitag war die Stimmung im Dorf dann komplett anders. Am Tag vor dem Rennen – die Vorhersage wahnwitziger Hitze war inzwischen recht akkurat – stand dem meisten die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Auf dem Platz vor der Halle, in der wir unsere Startnummer abholten, hatten alle namhaften Hersteller rund um den Radsport ihre Stände aufgebaut. Während sich am Donnerstag die Trikot- und Felgenhersteller besonders viel Zuspruch hatten, umlagerten große Schwärme von Radlern und Radlerinnen am Freitag den Powerbar Stand. Powerbar bietet alle möglichen Riegel, Pülverchen und Gels, die Ausdauersportler mit legaler Energie und essentiellen Salzen versorgen. Natürlich haben alle, die bei Marmotte mitmachen, ausreichend dieser Produkte dabei. Doch am Tag vor dem Ereignis scheint alle die Panik zu erfassen und mit dieser Angst macht Powerbar gute Geschäfte. Ich habe zwei Gels gekauft.

Die Lacets de Montvernier von oben.

Die Lacets de Montvernier von oben.

Das Rennen selbst – es gibt eine Zeitnahme, doch die nehmen nur wenige wirklich ernst an diesem Tag – wird eine

Die Lacets von unten.

Die Lacets von unten.

Hitzeschlacht. Die Nachrichten hatten am Abend zuvor die Hitzewelle thematisiert, die am Samstag auch die Alpen voll im Griff haben würde. Der Rat der französischen Fernseharztes war, wenn überhaupt, Sport nur in den frühen Morgenstunden zu betreiben. Als wir am frühen Mittag bei fast 40 Grad unterhalb der zweiten Steigung des Tages standen, wussten wir, dass es ein guter Rat war. Später, auf dem Col du Mollard, war es auf 1630 m noch 33 Grad. Schatten gab es eigentlich keinen, Wasserstellen viel zu wenige. Glücklicherweise waren die Leute unglaublich hilfsbereit: Viele standen mit Gartenschläuchen vor den Türen und haben uns geduscht oder mit Wasser versorgt. Schon am frühen Nachmittag ging es für Martin und mich nicht mehr um irgendeine Zeit, sondern nur noch ums Ankommen im Zeitlimit, und auch das Zeitlimit am Fuß von Alpe D’Huez rückte irgendwann hinter „gesund“ ankommen in den Hintergrund (wir haben das Zeitlimit beide auf den letzten Drücker geschafft).

Ich erinnere mich nicht, jemals so viele Menschen gesehen zu haben, die sich am Straßenrand übergeben haben – und ich bin Rheinländer und habe dort an Rosenmontagen teilgenommen. Krämpfe plagten so richtig viele Teilnehmer, immer wieder schrien Leute, wenn sie Oberschenkelkrämpfe bekamen. Mit Martin hatte ich einen Trink-Kommissar an meiner Seite, der mich in regelmäßigen Abständen ans Trinken erinnerte. Ich schätze, dass ich über den Tag verteilt mindestens zehn Liter Flüssigkeit mit isotonischen Pulvern versetzt getrunken habe. Abends, nach dem Siegerbier, dem Pfalzstoff der Gebrüder Meyer aus Ludwigshafen, konnte ich dann sogar wieder pinkeln. Den Rest der Flüssigkeit habe ich tagsüber ausgeschwitzt.

Diese Gels und Pülverchen halten einen nicht nur länger leistungsfähig, sie bringen den Verdauungstrakt auch gehörig durcheinander. So gehören zu einer solchen Massenveranstaltung nicht nur ein sehr würziger Duft auf der Straße und Fliegenschwärme über langsamen Radlern im Anstieg, sondern auch ein Geräuschpegel wie aus einem Scherzartikellager. Man stelle sich eine vierte Klasse ohne Lehrkörper in der Furzkissenabteilung vor, dann hat man eine recht gute Vorstellung, welche Geräusche sich zu dem Schnaufen und Fluchen der Radler gesellten. Sorgten röhrende Rülpser und Flatulenz in fortissimo am ersten Berg noch für Kommentare und Gelächter, waren sie ab dem zweiten Berg so allgemein verbreitet, dass sie zu einer Art Hintergrundrauschen. Und olfaktorisch? Schwer zu sagen, wir waren ja immer in Bewegung.

Am kommenden Morgen, als wir wieder alle im Bus saßen, kam uns beim Rennen zur Alpe hoch (13 km und fast 1200 Höhenmeter) kam uns die Dreierspitzengruppe entgegen – einer davon war Christoph Fuhrbach aus Neustadt. Den Weltrekordhalter im Höhenmeterfahrer habe ich beinahe jedes Mal, wenn ich an der Kalmit war, dort getroffen. Er wurde schließlich Dritter, ein paar Sekunden hinter dem Sieger.

Jetzt erholen wir uns und hoffen, dass unsere Immunsysteme nicht allzu sehr angegriffen sind. Vor fünf Jahren, als Martin und ich schon einmal – aber bei weniger extremer Hitze – teilgenommen haben, bin ich anschließend heftig krank geworden. Um das zu verhindern, habe ich diemal mehr trainiert und konnte deshalb weniger schreiben, was uns wieder an den Ausgangspunkt dieser Erzählung führt.

Gewimmel am Start.

Gewimmel am Start.