In den letzten Monaten habe ich mich relativ rar gemacht auf dem Blog. Der Hauptgrund dafür ist, dass ich ein üppiges Pensum Radtraining durchgezogen habe. Das wiederum war nötig, um einen Radmarathon vernünftig bestreiten zu können, nämlich La Marmotte. La Marmotte gilt neben dem Ötztaler Radmarathon als eines der härtesten Radrennen, das offen für alle ist, die ihre Fitness dafür von einem Arzt attestiert bekommen. In diesem Jahr waren dabei der Col du Glandon, die Lacets de Montvernier, der Col du Mollard, der Col de la Croix de Fer und der legendäre Anstieg von Alpe D’Huez zu bewältigen – über 5100 Höhenmeter auf schließlich 181 km.

Minuten vor dem Start.

Minuten vor dem Start.

Das Profil der Radtour.

Das Profil der Radtour.

7500 Teilnehmer – von vielen Menschen auch Verrückte genannt – starten zwischen 7 und 8 Uhr morgens und gut 4600 (in diesem Jahr) kommen zwischen 13 und 22 Uhr im Ziel an. 47 der Ankommer kommen aus Deutschland (zum Vergleich 1230 aus Dänemark), davon zwei aus Wachenheim.

Drei vom „Team Wachenheim“, Martin Conrad, Christoph Jost und der Schreiber dieser Zeilen standen am Start. Christoph bekam allerdings auf dem Gipfel des ersten Anstiegs, dem Col de Glandon, solche Magenprobleme, dass er umdrehen musste. Da wir eine Wohnung im Zielort gemietet hatte, musste er trotzdem noch nach Alpe D’Huez hochfahren, kam also auch locker auf mindestens 2200 Höhenmeter  bei knapp 80 km. Doch von Anfang an.

Als wir am späten Donnerstagabend unsere Wohnung in Alpe D’Huez bezogen hatten, sind wir noch auf einen Kaffee rausgegangen. Oben im Ort wimmelte es von Marmotte-Teilnehmern – scheinbar alle aus Dänemark, England oder Holland. Und alle in Feierlaune mit Bier und extrem guter Laune. Am Freitag war die Stimmung im Dorf dann komplett anders. Am Tag vor dem Rennen – die Vorhersage wahnwitziger Hitze war inzwischen recht akkurat – stand dem meisten die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Auf dem Platz vor der Halle, in der wir unsere Startnummer abholten, hatten alle namhaften Hersteller rund um den Radsport ihre Stände aufgebaut. Während sich am Donnerstag die Trikot- und Felgenhersteller besonders viel Zuspruch hatten, umlagerten große Schwärme von Radlern und Radlerinnen am Freitag den Powerbar Stand. Powerbar bietet alle möglichen Riegel, Pülverchen und Gels, die Ausdauersportler mit legaler Energie und essentiellen Salzen versorgen. Natürlich haben alle, die bei Marmotte mitmachen, ausreichend dieser Produkte dabei. Doch am Tag vor dem Ereignis scheint alle die Panik zu erfassen und mit dieser Angst macht Powerbar gute Geschäfte. Ich habe zwei Gels gekauft.

Die Lacets de Montvernier von oben.

Die Lacets de Montvernier von oben.

Das Rennen selbst – es gibt eine Zeitnahme, doch die nehmen nur wenige wirklich ernst an diesem Tag – wird eine

Die Lacets von unten.

Die Lacets von unten.

Hitzeschlacht. Die Nachrichten hatten am Abend zuvor die Hitzewelle thematisiert, die am Samstag auch die Alpen voll im Griff haben würde. Der Rat der französischen Fernseharztes war, wenn überhaupt, Sport nur in den frühen Morgenstunden zu betreiben. Als wir am frühen Mittag bei fast 40 Grad unterhalb der zweiten Steigung des Tages standen, wussten wir, dass es ein guter Rat war. Später, auf dem Col du Mollard, war es auf 1630 m noch 33 Grad. Schatten gab es eigentlich keinen, Wasserstellen viel zu wenige. Glücklicherweise waren die Leute unglaublich hilfsbereit: Viele standen mit Gartenschläuchen vor den Türen und haben uns geduscht oder mit Wasser versorgt. Schon am frühen Nachmittag ging es für Martin und mich nicht mehr um irgendeine Zeit, sondern nur noch ums Ankommen im Zeitlimit, und auch das Zeitlimit am Fuß von Alpe D’Huez rückte irgendwann hinter „gesund“ ankommen in den Hintergrund (wir haben das Zeitlimit beide auf den letzten Drücker geschafft).

Ich erinnere mich nicht, jemals so viele Menschen gesehen zu haben, die sich am Straßenrand übergeben haben – und ich bin Rheinländer und habe dort an Rosenmontagen teilgenommen. Krämpfe plagten so richtig viele Teilnehmer, immer wieder schrien Leute, wenn sie Oberschenkelkrämpfe bekamen. Mit Martin hatte ich einen Trink-Kommissar an meiner Seite, der mich in regelmäßigen Abständen ans Trinken erinnerte. Ich schätze, dass ich über den Tag verteilt mindestens zehn Liter Flüssigkeit mit isotonischen Pulvern versetzt getrunken habe. Abends, nach dem Siegerbier, dem Pfalzstoff der Gebrüder Meyer aus Ludwigshafen, konnte ich dann sogar wieder pinkeln. Den Rest der Flüssigkeit habe ich tagsüber ausgeschwitzt.

Diese Gels und Pülverchen halten einen nicht nur länger leistungsfähig, sie bringen den Verdauungstrakt auch gehörig durcheinander. So gehören zu einer solchen Massenveranstaltung nicht nur ein sehr würziger Duft auf der Straße und Fliegenschwärme über langsamen Radlern im Anstieg, sondern auch ein Geräuschpegel wie aus einem Scherzartikellager. Man stelle sich eine vierte Klasse ohne Lehrkörper in der Furzkissenabteilung vor, dann hat man eine recht gute Vorstellung, welche Geräusche sich zu dem Schnaufen und Fluchen der Radler gesellten. Sorgten röhrende Rülpser und Flatulenz in fortissimo am ersten Berg noch für Kommentare und Gelächter, waren sie ab dem zweiten Berg so allgemein verbreitet, dass sie zu einer Art Hintergrundrauschen. Und olfaktorisch? Schwer zu sagen, wir waren ja immer in Bewegung.

Am kommenden Morgen, als wir wieder alle im Bus saßen, kam uns beim Rennen zur Alpe hoch (13 km und fast 1200 Höhenmeter) kam uns die Dreierspitzengruppe entgegen – einer davon war Christoph Fuhrbach aus Neustadt. Den Weltrekordhalter im Höhenmeterfahrer habe ich beinahe jedes Mal, wenn ich an der Kalmit war, dort getroffen. Er wurde schließlich Dritter, ein paar Sekunden hinter dem Sieger.

Jetzt erholen wir uns und hoffen, dass unsere Immunsysteme nicht allzu sehr angegriffen sind. Vor fünf Jahren, als Martin und ich schon einmal – aber bei weniger extremer Hitze – teilgenommen haben, bin ich anschließend heftig krank geworden. Um das zu verhindern, habe ich diemal mehr trainiert und konnte deshalb weniger schreiben, was uns wieder an den Ausgangspunkt dieser Erzählung führt.

Gewimmel am Start.

Gewimmel am Start.

 

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