Ich habe mich lange mit dem Gedanken schwanger gertragen, einen Artikel zu dem alles beherrschenden Thema Asylpolitik zu schreiben. Ich tat mir reichlich schwer und war zerissen, ähnlich wie die Meinungen, die quer durch die Republik so unterschiedlich sind, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten.
Schon bei meinem Versuch, die Denkweisen durch einen kleinen Artikel auf unserem noch kleineren Blog auszutesten, siehe im Archiv unter ‚Alter Winzergenossenschaft‘, ist mir einiges entgegengeschlagen. Entgegengeschlagen von Menschen, die meinten dieses Asylthema sei nicht satirefähig, entgegengeschlagen von Menschen, die sich in Ihrem Engagement missachtet fühlten, entgegengeschlagen von Menschen, die sich von den Asylbewerbern bedroht fühlten, entgegengeschlagen von Menschen, die sich in ihrem Wohlstand bedroht fühlten.

Ich bin sozusagen in die Polarisierfalle getappt. Es gibt, wiederum gefühlt, wie so oft bei diesem Thema, in der öffentlichen Wahrnehmung nur schwarz und weiss, gut und böse, richtig oder falsch. Dies ist meines Erachtens aber nur im Märchen der Fall, Hänsel und Gretel gut, Hexe böse! Wobei dieses Märchen gerade zu geniale Ansätze zur Interpretation der momentanen politischen und gesellschaftlichen Krise bietet.

Zwei hilflose Menschen werden von dritten, dem Vater und der Stiefmutter in grosse Not gebracht. In eben dieser Not gelangen Sie an einen Ort, der alles im Überfluss bietet und werden dort in noch grössere Not gebracht, indem man ihnen nach dem Leben trachtet. Sie beenden diese Not, indem sie ihre Peinigerin, die alleine und hasserfüllt und gierig in dem Ort des Überflusses lebte, ins Feuer stiessen.

Die Bilder, die sich jetzt gebildet haben, überlasse ich kurz ihrem Kopfkino.

Jedoch denke ich, dass wir durchaus in der Lage sind und sein müssen, dieses Katastrophenszenario nicht vom Märchen in die Wirklichkeit gelangen zu lassen, wobei ich die Befürchtung habe, dass wir auf einen Showdown zu driften, den wir alle nicht wollen, da es eben ja nur gut und böse gibt..

Die armen Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben zu uns kommen, sind Geknechtete und Entrechtete, denen das Leben von ‚ihren eigenen‘ politischen Machthabern zur Hölle gemacht wurde. Hier haben wir sowohl Hänsel und Gretel, als auch den Vater, wie z.B. Assad, IS, Taliban, sonstige Gruppierungen von denen hier keiner so genau weiss, was sie wollen und was sie tun.

Interessierte dritte haben diesen Vater aus ökonomischen Gründen motiviert und manipuliert. Hier haben wir die Stiefmutter wie z.B. Deutschland, EU, USA, Russland etc…, die das brauchen und ausnutzen wollen, was der Vater hat. Öl, Gas, Bodenschätze und… böse Kinder, die gezüchtigt werden müssen, das geht am besten mit Waffen.
Wir denken jedoch, warum bleiben die nicht in der Nähe ihres Vaters? Da ist doch das Elternhaus und wenn die böse Alte weg ist müssen die doch wieder dahin zurück wollen! Dort ist doch auch schon Lebkuchen. Richtig! Der Lebkuchen dort ist aber nicht so süss und nicht so reichlich. Und wenn Hänsel und Gretel schon satt werden wollen, suchen sie doch das Lebkuchenhaus, was ihnen am leckersten für sich erscheint. Das haben doch auch schon Urgrossvater Hänsel und Urgrossmutter Gretel getan.
Die hatten Erfolg und haben sich ein Lebkuchen Weltreich gebaut. Das heisst heute u.a. Vereinigte Staaten von Amerika, Agentinien, Kanada, Australien etc…

Auch die Stiefmütter hatten zwischenzeitlich grossen Erfolg mit Lebkuchen, allerdings in ihrem eigenen Haus, das sie mit Lebkuchen aus fernen Ländern verkleidet haben. Diesen Lebkuchen nennt man Öl, Gas und Bodenschätze, oder geostrategisch sinnvoll. Hier insbesondere zu nennen England, USA, Frankreich…

Seltsamerweise sind diese Länder auch jetzt ganz vorne dabei, wenn es darum geht ihren ‚verdienten‘ Lebkuchen zu schützen. Stiefmütter aus dem Märchen eben.

Fehlen in der Beurteilung noch die beiden Protagonisten. Diese beiden stossen die Hexe in ihrem eigenen Haus ins Feuer. Dies tun sie, nachdem sie zwar von dieser aufgenommen wurden, jedoch sie waren keine Gäste, sondern Gefangene und durften nur niedere Arbeiten verrichten, wie z.B. putzen, bedienen, aufräumen. Und wurden für diese Dienste noch nicht einmal bezahlt, sondern misshandelt und ausgebeutet. Und einer wurde gemästet  um gefressen zu werden… Heute könnte das z.B. Orangenpflücken in Italien, Olivenernte in Spanien, Feldarbeit in Deutschland sein. Hänsel und Gretel waren ganz schön sauer deswegen und unzufrieden, und taten alles, um auch im vermeintlichen Haus der Rettung zu überleben. Und darin hatten sie Erfahrung, im Überleben. Nicht wie die Hexe, die sich ziemlich dekadent von ihrem Lebkuchen ernährte und vergessen hatte, was es hiess kämpfen zu müssen. Nein diese beiden hatten es drauf, sie waren von ihrem Vater um ein Leben betrogen worden und auf Veranlassung ihrer Schwiegermutter in den vermeintlichen Tod geschickt worden. Waren lange Zeit durch den Wald geirrt, ohne Nahrung, Licht und Wärme.
Diese beiden sind doch von einer dekadenten Hexe nicht unterzukriegen, ab in Feuer mit ihr!

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie alle noch heute.  Bis auf die Hexe übrigens.

Ich habe die Hoffnung, dass einer oder eine diesen Hexenkreis durchbrechen kann.
Vielleicht der Vater, der sich der Bedürfnisse seiner Kinder bewusst ist und nicht nur die Stiefmutter vögeln möchte.
Vielleicht die Stiefmutter, der bewusst wird, dass sie für das Wohl ihrer Stiefkinder mitverantwortlich ist und nicht das Erbe dieser erschleichen möchte, sondern sich ihrer historischen Verantwortung bewusst und ehrlich stellt.
Vielleicht die Hexe, die einsieht, dass sie genügend Lebkuchen hat, um den armen Kindern über die Not hinweg zu helfen und nicht Gefahr läuft, ihren Lebkuchen zu verlieren und deswegen die Kinder zu mästen und zu verspeisen.
Vielleicht Hänsel und Gretel, die erkennen müssen, dass es nicht nur Stiefmütter und Hexen gibt, die Lebkuchen zu verteilen haben, und die, wenn sie alt genug sind, Ihrem Vater mal so richtig dahin treten müssen, wo es weh tut. Beziehungsweise eine gute Fee finden, die ihnen beim Treten hilft, wirklich hilft.

Aber all dies ist eine andere Geschichte, und diese beginnt mit den Worten:

Es war einmal…in einer fernen Zukunft.

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