„Liebe Frau Merkel,

Sie haben meine Hochachtung für Ihre Flüchtlingspolitik und ich hoffe, dass Sie mit Ihrer menschlichen Wärme und ihrem Intellekt weiterhin Ihre humane Art des Handelns auch gegen den Widerstand zahlreicher törichter und populistischer Politiker aus den eigenen Reihen wie CDU und CSU aber natürlich erst recht gegen AfD-Anfeindungen durchsetzen werden!

Zum beabsichtigten bewaffneten Einsatz gegen den IS kann ich Sie allerdings nur inständig bitten, die geplante militärische Unterstützung aus Solidarität gegenüber Hollande – und diese sollte nicht mit Solidarität gegenüber Frankreich gleichgesetzt werden – sofort wieder zu verwerfen. Bitte seien Sie umsichtig genug, das Risiko der Stärkung des IS durch zudem noch völlig koordinationslose Schläge verschiedener Nationen gegen die Erfolgsaussichten auf Schwächung des IS abzuwägen. Bitte nutzen Sie die wertvollen Erfahrungen und berücksichtigen Sie die Einschätzungen hochkompetenter Nahostkenner wie einstmals von Peter Scholl-Latour und heute vor allem von Jürgen Todenhöfer und lassen Sie sich (uns!) nicht auf militärische Aktionen ein.

Sie wissen besser als die meisten von uns über Entstehung, Ausweitung und Zulauf des IS Bescheid. Es ist evident, dass in unseren westlichen Ländern die perspektivlosen, weil ausgegrenzten jungen Menschen besonders leicht zu radikalisieren und für terroristische Zwecke zu rekrutieren sind. Diesen Menschen genug Beachtung zu schenken, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, sie gezielt zu fördern, das müssen unsere ersten Ansatzpunkte sein. Eine gleichermaßen mehr auf die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen zugeschnittene Nahostpolitik statt einer nur die eigenen ökonomischen Interessen verfolgenden Politik wäre dazu genauso notwendig. Unsere Beziehungen zu Saudi-Arabien nicht nur auf den Prüfstand zu stellen sondern die unseligen Verknüpfungen zu lösen, die den Saudis eine Plattform für Einflussnahme auf und Förderung extrem islamistischer Gesinnung in unserem Land gibt. Unsere verlogenen Vereinbarungen zu wirtschaftlicher „Zusammenarbeit“ auch mit anderen Ländern, so der Türkei müssen korrigiert und damit wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Wenn dadurch finanzielle Einbußen in Kauf genommen werden müssen wären die meisten Bürger sicherlich trotzdem „bei Ihnen“ wenn die Politik vernünftig vermittelte, dass auf diese Art und Weise eine längerfristige Zukunftssicherung und Befriedung erreicht werden kann. Leider scheuen fast sämtliche Politiker sich davor dem Volk zu vermitteln, dass Solidarität und Fairness auch etwas mit abgeben zu tun haben.

Liebe Frau Merkel, Sie haben vielfältig in zahlreichen Krisen der letzten Jahre große Besonnenheit gezeigt! Die derzeitigen Herausforderungen mit denen wir durch den IS-Terror umzugehen haben sind immens. Sie zu meistern gelingt aber nicht durch welche auch immer aufwendige militärische Auseinandersetzung. Sie gelingt nur durch ständigen Dialog mit allen Machthabern der Nahost-Region. Sie gelingt auch erst durch die Bewältigung interner Probleme unserer Gesellschaften vor allem in Frankreich, Belgien, Großbritannien und den USA die noch dazu stärker als wir das Erbe großer Frevel in der Kolonialzeit/des Imperialismus tragen. Sie fordert außerdem faire und geradlinige Vereinbarungen mit Partner-Staaten wie mit unbequemen Staaten und ständige Gespräche selbst und gerade mit Diktatoren und – wie Helmut Schmidt zu sagen pflegte – ermöglichen Sie den Partnern einen anständigen Abgang.

Ich vertraue auf Sie und wünsche Ihnen die benötigte Kraft und Fortune!“

Ungekürzter Brief eines Lesers an Frau Merkel…

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