Nach der absurden Verbandsgemeinderatssitzung vergangener Woche bin ich heute (bzw. gestern, wenn der Beitrag fertig ist)  fröhlich aus dem Sitzungssaal gekommen (obwohl ich vorher wieder Metallica gehört hatte). Mit großer Mehrheit hat gestern der Wachenheimer Stadtrat einen Schlussstrich unter ein unrühmliches – und eventuell noch teures – Kapitel der Stadtgeschichte gezogen. Der Satzungsbeschluss vom 18. Dezember 2008, der einen Supermarkt am Pfortenstück vorgesehen hatte, aber nie umsetzbar war, wurde aufgehoben. Danach wurde mit noch deutlicherer Zustimmung der Weg frei gemacht für eine Nutzung des Grundstücks, die sicherlich auf größere Gegenliebe bei der Wachenheimer Bevölkerung trifft: Etwa 15 Einfamilienhäuser und ein Doppelhaus mit Gärten sollen entstehen, dazu eine 3.ooo Quadratmeter große, öffentliche Grünanlage an der Stadtmauer.

Zur Erinnerung und für all diejenigen, die den Supermarkt am Pfortenstück immer noch für realisierbar hielten: Der Bebauungsplan, der 2008 von FWG, SPD, FDP und einer CDU-Vertreterin per Sonderbeschluss gegen den schon damals deutlich erkennbaren Widerstand einer Mehrheit der Wachenheimer durchgedrückt wurde, trat nie in Kraft. Dazu hätte der Flächenutzungsplan geändert werden müssen. Dem hatte zwar der Verbandsgemeinderat zugestimmt (damals noch mit dem Hinweis, dass man Entscheidungen der Ortsgemeinden grundsätzlich nicht im Weg stehen wollte – diese Haltung hat sich vergangene Woche gründlich geändert ), doch die Planungsbehörden hatten die Änderung abgelehnt und auch einen Widerspruch der Verbandsgemeinde abgeschmettert. Grund war die mangelnde Beachtung des Denkmalschutzes an der historischen Stadtmauer.

Da Andreas Berger (FDP) genau wie seine Fraktionskollegin Kira Hinderfeld heute entschuldigt fehlte, gab es in der Aussprache der Stadträte diesmal keinen Hinweis, dass man den Flächenutzungsplan auf dem Klageweg hätte durchbringen können. Stattdessen ging es in der Diskussion des Antrags, den Satzungsbeschluss von 2008 aufzuheben, nur um finanzielle Schadensbegrenzung. Rolf Kley (SPD) fragte, ob die Aufhebung negative Folgen hinsichtlich der „Altlast städtebaulicher Vertrag“ haben könne. Dieser Vertrag wurde damals zwischen der Stadt Wachenheim – unter Federführung des damaligen Bürgermeisters Arnold Nagel (FWG) – und dem Möchtegern-Investor – der Hasslocher Firma Müller-Bau – geschlossen. Die Öffentlichkeit hat nie Details aus dem Vertrag erfahren. Dem Vernehmen nach ist darin festgeschrieben, dass die Kosten des Investors, zum Beispiel für selbst erstellte Gutachten (die positiv für das Bauvorhaben ausgingen), bei Nichtumsetzung des Bauvorhabens an der Stadt hängen bleiben können.

Bürgermeister Torsten Bechtel (CDU) beantwortete Kleys Frage: „Nach Meinung unsereres Rechtsanwalts Fischers nicht.“ Also werde die Situation für die Stadt durch den Aufhebungsbeschluss zumindest nicht schlimmer. „Nach Meinung der Investoren ist der städtebauliche Vertrag nie wirksam geworden“, so Bechtel weiter. Klang zunächst harmlos für mich – doch wenn in dem Vertrag festgeschrieben ist, dass die Gutachten-Kosten, die normalerweise von der Gemeinde getragen werden, von den Investoren übernommen werden – dann kann das Nicht-In-Kraft-Treten Wachenheim teuer zu stehen kommen.

Erstaunlich fand ich die Chuzpe von Altbürgermeister Nagel. Der Politiker, der den ungünstigen Vertrag im Geheimen abgeschlossen hatte, wollte nun von Torsten Bechtel eine Garantie, dass aus genau diesem Vertrag durch die heutige Abstimmung keine Nachteile entstehen könnten. Nagel wollte mit einem Verweis auf eine noch andauernde Analyse durch den Rechnungsprüfungausschuss Zeit gewinnen. Marcus Scholz, Mitglied dieses Ausschusses, hatte sich aber vorher bei Verbandsgemeindebürgermeister Udo Kittelberger (FWG) schlau gemacht und konnte berichten, dass die Analyse auf dem Weg sei. Außerdem wiesen Rolf Kley und der Fraktionsvorsitzende der Wachenheimer Liste, Lothar Sturm, unter fraktionsübergreifender Zustimmung darauf hin, dass der Rechnungsausschuss ohnehin nicht die notwendige juristische Prüfung vornehmen könne.

Auf die erneute Stellungnahme Bechtels „Wir haben mit unserem Rechtsanwalt mehrfach gesprochen, und die Aussage war immer, dass die Aufhebung des Satzungsvertrags unschädlich im Zusammenhang mit dem städtebaulichen Vertrag sei“ rief Nagel: „Glauben Sie doch nicht, dass dieser Vertrag in der Verwaltung entworfen wurde. Da saßen hochkarätige Juristen dran.“ Damit meint er wohl die Anwälte der Investoren, mit denen er damals verhandelt hat. Ich glaube, nur Arnold Nagel bringt es fertig, sein eigenes Versäumnis (keine offene Verhandlung mit den Investoren auf Augenhöhe, einseitige Auslegung des Vertrags mit potentiell gravierenden Nachteilen für die Stadt im Fall einer Nicht-Genehmigung) so darzustellen, als sei der politische Gegner daran schuld.

Alles Unken half jedoch nichts, das heutige Abstimmungsergebnis im Wachenheimer Stadtrat war eindeutig: Arnold Nagel und Annette Weber (beide FWG) stimmten dagegen, Rolf Kley (SPD) und Nicola Räch (FWG) enthielten sich, die neun anderen Räte stimmten dafür (die komplete Fraktion der Wachenheimer Liste , alle anwesenden CDU-Mitglieder sowie – wenn ich mich richtig erinnere – Hans-Jürgen Häfner von der SPD).

Nachdem mit diesem Beschluss „der Wille der Bevölkerung endlich umgesetzt und manifestiert“ war (Bechtel), stand nun eine alternative Bebauung des Pfortenstücks zur Abstimmung. Dabei beleuchtete der Bürgermeister wieder die Vorgeschichte: Nach Ablehnung des Supermarkts hatte Grundstückseigentümerin Bettina Bürklin-von Guradze einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Die Entwürfe seien sehr gemischt aufgenommen worden. Während die Pläne für die Wohnhäuser viele schöne Ideen enthalten hätten, habe der relativ große Hotelbau an der Weinstraße Widerspruch nicht nur bei den Wachenheimern, sondern vor allem bei der für Denkmalschutz zuständigen Generaldirektion kulturelles Erbe hervorgerufen.

Daher hätten Stadt und Eigentümerin – unterstützt von einem Berliner Planungsbüro – nochmal überlegt und präsentieren jetzt unter dem Motto „aller guten Dinge sind drei“ den heute zur Abstimmung stehenden Vorschlag. Am Pfortenstück sollen private Einfamilienhäuser und ein Doppelhaus entstehen. Um die im gültigen Flächennutzungsplan vorgeschriebene touristische Nutzung zu gewährleisten, bleibt auf dem 1,2 Hektar großen Grundstück ein Viertel, nämlich eine 3.000 Quadratmeter große Fläche zwischen Stadtmauer und Weinstraße, unbebaut und wird als öffentliche Grünanlage der Allgemeinheit zugänglich gemacht.  

Dieser Vorschlag erinnert mich an die die Zeit vor fünf, sechs Jahren, als sich mein Liebster mit zwei Freuden gegen den geplanten Supermarkt am Pfortenstück engagierte. Es wurde uns damals schnell klar, dass unser Ziel nicht eine Beibehaltung des Status‘ Quo sein könne – so schön der heutige Wingert an der Stadtmauer auch ist. Es ist gutes Recht der Eigentümerin, das Grundstück zu verkaufen, um andere Investitionen tätigen zu können. Wenn wir damals bei unserem Diskussionen in der Stadt nach alternativer Bebauung des Grundstücks gefragt wurden, haben wir kleine Wohnhäuser und einen Park vorgeschlagen. Und hörten immer wieder, wie unrealistisch das sei. Der damalige Bürgermeister Nagel betonte stets, bei Wohnbebaung müssten die Häuserfronten direkt an der Weinstraße stehen, und das sehe viel schlimmer aus als ein Supermarkt. Wenn ich überlege, wie oft die „Shock-and-Awe-Rhethorik“ Nagels schon angesichts der Realtität verpufft ist (vergleiche unmittelbar bevorstehende Rewe-Schließung), hoffe ich, dass sich auch seine Unkenrufe zum städtebaulichen Vertrag als haltlos erweisen. 

Statt Häuserfronten an der Weinstraße gibt es nun also eine 3.000 Quadratmeter große öffentliche Grünfläche, die sich an der Stadtmauer entlang zieht und im linken Teil auch den Abschluss zur Weinstraße bildet. Dadurch, so Bechtel, wird „der Bereich aufbewertet, die Stadtmauer bleibt öffentlich zugänglich und wird erlebbar“. Wenn ich es richtig verstanden habe, wird das Anlegen dieser Freifläche sogar von der Generaldirektion kulturelles Erbe gefördert. Vielleicht ist dadurch tatsächlich die Gestaltung eines hübschen kleinen Parks möglich, von dem heute einige Male die Rede war.

Anders als sein Vorgänger Nagel, dessen Alleingänge nach meiner Wahrnehmung oft unter dem Motto „Regeln sind für andere“ standen, hat Bechtel die Behörden schon früh einbezogen. Die untere Planungsbehörde (Kreisverwaltung), die untere und obere Denkmalschutzbehörden und – wie Bechtel im Hinblick auf vergangene Woche betonte – auch die Grundstückseigentümerin haben bereits Zustimmung signalisiert. Im Dialog mit den Behörden erhielt Bechtel sogar den hilfreichen Hinweis, dass die jetzt geplante Bebauung des Pfortenstücks durche inen Aufstellungsbeschlusses auf den Weg gebracht werden kann.  Dieses vereinfachte Verfahren ermöglicht eine Innenentwicklung, bei der zum Beispiel der Flächennutzungsplan nicht geändert werden muss.

Die anschließende Debatte verlief kurz und konstruktiv. Lediglich eine Wachenheimerin im Publikum war enttäuscht, dass sie – so ist es in der Gemeindeordnung vorgeschrieben – keine Frage stellen könnte. Fraktionsvorsitzender Rolf Kley sagte für die SPD, man wolle den Plan mittragen, und hob positiv hervor, dass ein größerer Teil der grünen Lunge im Ort erhalten bleibe. Eventuelle Anmerkungen zu Gebäudehöhe (geplant ist eine Anlehung an umliegende Gebäude – ich glaube, in der Waldstraße) und Gartengestaltung werde man im Bauausschuss vorbringen.

Für die Wachenheimer Liste äußerte sich Lothar Sturm zustimmend und verwies auch auf den Bauausschuss zur Detailklärung. Walter Disteldorf brachte die sehr positive Haltung der CDU zum Ausdruck. Da die Gärten der Wohnhäuser an die öffentliche Fläche angrenzen sollten, wäre das zusammenhängende Grün noch größer. „Das ist eine gute Lösung, um aus dem Filetstück von Wachenheim etwas Schönes zu machen“, schloss Disteldorf.

Die FWG hatte keine Wortmeldung. Bei der Abstimmung gab es kein Nein, und die einzigen beiden Enthaltungen kamen von Arnold Nagel und Annette Weber. Nicola Räch dokumentierte ihre abweichende Haltung – wie alle anderen Anwesenden – durch ein Ja. Schade, dass sie als Stimme der Vernunft in der FWG so oft auf verlorenem Posten kämpft.

Fraktionsübergreifend hat heute die Vernunft gesiegt im Wachenheimer Stadtrat, das ist ein Grund zum Feiern!

Trotzdem wäre Wachenheim nicht Wachenheim, wenn sich in die ungewöhnliche  Harmonie nicht doch noch wieder ein wenig Zwist gedrängt hätte. Unter „Verschiedenes“ fragte Lothar Sturm, wie lange die Stadträte Nagel und Häfner bereits die – von Bürklin-Wolf nicht authorisierten – Pläne für einen Supermarkt-Bau an der Ringstraße gekannt hätten. Während Nagel fragte „Muss ich das beantworten?“, sprang Kley seinem SPD-Kollegen bei: „Das ist Thema für die Verbandsgemeinde, nicht für die Stadt.“ Dem widersprach der Bürgermeister, schließlich habe der VG-Rat letzte Woche eine „neue Qualität in die Zusammenarbeit mit der Stadt gebracht“. Als Sturms Frage unbeantwortet blieb, bat er, das genauso zu protokollieren. Darauf Nagel: „Sie können auch protokollieren, dass Sie zu gegebener Zeit Antwort bekommen werden.“ Welch ein Cliffhanger für die nächste Folge der Seifenoper „Zank in Wachenheim“.

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Heute morgen habe ich mich mal wieder gefreut, dass wir die Rheinpfalz abonniert haben. In der Sonntagsausgabe war ein hervorragender Artikel zu den Thesen von Thilo Sarrazin. Professor Wolfram Henn, Humangenetiker und Medizin-Ethiker an der Universität des Saarlandes, stellt Aussagen des Noch-Bundesbank-Vorstands auf den wissenschaftlichen Prüfstand.

Die Analyse reicht vom speziellen Gen, das sich alle Juden oder Basken teilen, über die schlechter werdenden Bildungsvoraussetzungen Neugeborener, Sarrazins Prognose zur „Überfremdung“ Deutschlands durch unterschiedliche Geburtenraten bis hin zur Häufung von Erbkrankheiten bei Einwanderern aus dem Nahen Osten. Henns Diagnosen zu all diesen Thesen Sarrazins: Falsch! Die wissenschaftlich fundierte Widerrede liest sich richtig spannend – zumal die Redaktion dem Forscher sein Vokabular belässt und zum besseren Verständnis ein Glossar an die Seite stellt.

Bei dieser Gelegenheit eine Anmerkung an die Leser, die in Kommentaren den Wachtenblog als Alternative zur Rheinpfalz beschreiben. Das ist ja sehr ehrenvoll für uns, aber so etwas wie diesen Artikel können wir Freizeitblogger natürlich nicht liefern. Auch im Zeitalter von Web 2.0 halte ich die Tageszeitungs-Lektüre für einen unverzichtbaren Teil der politischen Bildung – egal ob lokales oder überregionales Blatt, ob online oder auf Papier. Im Idealfall ergänzen sich Blogs und traditionelle Medien – so wie das bei uns und der Rheinpfalz ja schon zu beobachten war.

So habe ich zum Beispiel bei den hohen Zugriffszahlen der letzten Tage den Verdacht, dass einige unserer Leser im Wachtenblog eine Reaktion auf den Rheinpfalz-Artikel „FWG-Postille spaltet eigene Reihen“ vom Dienstag gesucht haben. In den letzten zwei Absätzen des Beitrags „Einspruch, lieber Freund“ bin ich ja schon kurz auf das Thema eingegangen.

Jetzt hat mich die Berichterstattung über Sarrazins provozierende Aussagen nochmal auf das FWG-Blatt und den Herausgeber Boris Morell gebracht. Auch wenn sich beides auf völlig verschiedenen Ebenen bewegt, was Thema und Reichweite angeht, sehe ich doch einige Parallelen. Beide Autoren greifen in ihren Publikationen Misstände auf, die tatsächlich vielen auf der Seele liegen. Bei Sarrazin sind es die ungenügende Integration von Migranten in unsere Gesellschaft und die zu starke Belastung des Sozialstaats. Bei Morell ist es die zunehmende Verschuldung der Stadt Wachenheim.

Bei beiden kann man also vielleicht annehmen, dass sie von berechtigter Sorge um das Wohl der Gemeinschaft getrieben sind – was Boris Morell ja auch schon in einem Kommentar im Wachtenblog geschrieben hat. Sehr problematisch finde ich bei beiden, was sie als Ursachen der von ihnen angeprangerten Misstände ausmachen, dass sie vor allem mit Angst und Schuldzuweisungen arbeiten, und dass sie die Lösung durch einseitige Polemik nicht begünstigen, sondern erschweren.

Indem Sarrazin vor einer „Überfremdung“ Deutschlands durch muslimische Einwanderer warnt, spricht er vielleicht dem „gesunden Volksempfinden“ aus der Seele (das sich in der deutschen Geschichte bereits als extrem ungesund erwiesen hat), trägt aber rein gar nichts zur besseren Integration von Migranten bei. In einem gesellschaftlichen Klima, in man über die angebliche genetische Vorbestimmung zur bildungsfernen Unterschicht schwadroniert, wird eine konstruktive Debatte um den Umgang mit eben dieser Unterschicht schwieriger.

Wie Gabor Steingast im Handelsblatt schreibt: „Schuld am Wachstum der Unterschicht sind nämlich nicht die Gene oder die Religion der betroffenen Menschen. […] Wer gibt, ohne etwas zu verlangen, der fördert die Gruppe von Menschen, die nimmt, ohne zu geben. So ist der Mensch nun mal, unabhängig davon, ob er aus Anatolien oder Oberammergau stammt.“ Bei den staatlichen Anreizsystemen müsste man also ansetzen, und diese schwierige Operation kann in einem Klima aus Angst und Schuldzuweisungen nicht gelingen.

Im Vergleich zu Sarrazins Aussagen, denen Henn im Rheinpfalz-Artikel eine beunruhigende Nähe zur Eugenie-Logik der Nazis nachweist, sind die Texte des „FWG im Gespräch“ harmlos. Gleichwohl sind sie auf unserer lokalen Ebene durchaus geeignet, das Klima für konstruktive Lösungen zu vergiften. Zum Beispiel führt das Blatt die Neuverschuldung Wachenheims auf die angebliche Unerfahrenheit der Stadträte von CDU und WL zurück – ohne etwa die hohen und unstrittigen Investitionen in die Wachtenburg zu erwähnen. Auch das Auslassen wichtiger Faktoren kann eine falsche Darstellung der Tatsachen sein, Herr Morell!

Für ähnlich indiskutabel wie Sarrazins Aussagen über „Kopftuchmädchen“ halte ich Morells persönliche Angriffe auf Bürgermeister Torsten Bechtel. Dass der CDU-Politiker seine Gesprächskontakte mit der FWG auf die Stadträte und allen voran die Fraktionsvorsitzende Nicola Räch beschränkt, kann ich gut nachvollziehen. Die haben nämlich – im Gegensatz zu Boris Morell – ein Mandat der Wähler.

Auch über das Inhaltliche hinaus sehe ich weitere Parallelen zwischen Thilo Sarrazin und Boris Morell. Beide verbinden die Lust an der Provokation mit dem Spaß an der öffentlichen Inszenierung. Und beide benutzen ihr Amt, um eine persönliche Agenda zu verfolgen. Während bei Sarrazin das Amt des Bundesbank-Vorstandes – das ihn vertraglich zu Mäßigung und Zurückhaltung verpflichtet – und seine Buchpublikation rein gar nichts miteinander zu tun haben, ist die Situation bei Morell etwas schwieriger.

Natürlich hat er als Vorstandsvorsitzender der Wachenheimer FWG die Aufgabe, seinen Verein zu positionieren und vom politischen Gegner abzusetzen. Dabei kann die Tatsache, dass er keinen Sitz im Stadtrat hat, eine vorteilhafte Unabhängigkeit bringen. Wenn er dabei aber so stark polemisiert und so sehr mit Angst und Schuldzuweisungen operiert, dass er seiner FWG eine konstruktive Mitarbeit im Stadtrat erschwert, dann vertritt er damit eben nicht die Interessen seines Vereins.

In einer Zeit, als sich im Stadtrat gerade eine aus den vergangenen Jahren  nicht gekannte, unaufgeregte Art der Zusammenarbeit entwickelte, scheint mir Boris Morell eine ganz eigene Agenda zu verfolgen. Ich kann nicht beurteilen, ob es seine eigene Mission ist, oder ob er lediglich als Strohmann im Interesse anderer agiert, wie hier in einigen Kommentaren gemutmaßt wurde.

Nun scheint Boris Morell der Rückhalt in großen Teilen der FWG zu fehlen. Zwar betont Morell, jedes Wort der Artikel im gesamten Vorstand abgestimmt zu haben. Doch gibt der Vorstand wirklich die Mehrheitsmeinung der Mitglieder wieder? Und wie ist das Verhältnis von FWG-Vorstand und Stadtrat?

Nur eines der acht Vorstandsmitglieder wurde auch in den Stadtrat gewählt, nämlich Dr. Rainer Lukas. Und der schwieg, als die FWG-Fraktion bei der letzten Stadtratssitzung um eine Stellungnahme zu der Publikation gebeten wurde. Nicola Räch hat sich gegenüber der Rheinpfalz vom FWG-Blatt distanziert. Aussagen wie die des anonym bleibenden FWG-Mitglieds haben wir im Ort auch gehört. Einige Mitglieder sollen sich geweigert haben, die Postille auszutragen.

Dass Thilo Sarrazin für sein Tun keinen Rückhalt im Vorstand der Bundesbank hat, ist seit vergangenem Donnerstag offiziell. Da beschlossen Sarrazins Vorstandskollegen einstimming, den Bundespräsidenten um die Abberufung des Provokateurs zu bitten. Um das ganz klar zu machen: Ich empfehle hier nicht den Rücktritt – oder die Abwahl – von Boris Morell aus dem Vorstand der FWG. Von dieser ganzen Bettel-Hinwerferei, wie sich gerade durch die deutsche Politik zieht, halte ich nämlich gar nichts.

Boris Morell sollte ein Amt nicht als Freibrief nutzen, um eine persönliche Agenda zu verfolgen. Vielmehr sollte er Meinung und Interessen der Mehrheit der FWG-Mitglieder vertreten. Nur wenn er dazu nicht bereit wäre, dann wäre er der falsche Mann in diesem Amt.

Nicht überraschend haben wir heute wir ziemlich hohe Zugriffszahlen. Zum Klärungsbedarf der FWG über Form und Stil ihrer politischen Aktivitäten möchte zumindest ich nichts schreiben. Das haben wir drei ja beim Live-Blog sehr ausführlich getan. Ich finde Frau Räch sehr mutig und glaube nicht, dass die CDU versucht, die FWG zu spalten, das scheint der Stil der FWG im Gespräch zu eredigen. Ups, jetzt habe ich doch was dazu geschrieben.

Auch nach fünf Jahren in Wachenheim entdecke ich immer mal wieder etwas Neues in meiner Wahlheimat. Heute kam ich eher zufällig zur „Sommerlichen Begegnung“ im Garten von Iris Diehl. Eigentlich wollte ich dort nur Freunde treffen, die vor Jahren nach Edenkoben gezogen sind. Und dann wurde es einer dieser typischen Wachenheim-Momente, die mich mit einem ungläubig-glücklichen Lächeln zurücklassen.

Bei der Sommerlichen Begegnung laden sieben Wachenheimer Familienbetriebe ihre Kunden zu einem genussreichen Nachmittag ein. Vier Euro zahlen Erwachsene am Eingang – ein eher symbolischer Preis angesichts dessen, was die Besucher im Diehlschen Garten und in dem daran angrenzenden Englischen Garten des Weinguts Bürklin-Wolf erwartet.

Zur Begrüßung gab es schon ein Glas sehr leckerer Erdbeerbowle. Nicht nur bei mir kamen da richtig nostalgische Gefühle auf. Meine letzte Erdbeerbowle ist mindestens zehn Jahre her. Im Garten konnte man an liebevoll aufgebauten Ständen noch viel mehr Köstlichkeiten probieren: Das Apfelgut Zimmermann bot Apfelsecco, leckere Säfte und Erdbeeren an. Am Stand von Katja Hambel gab es drei verschiedene Salamisorten und fein geschnittenen Serrano-Schinken (meine Jüngste hätte am liebsten den ganzen Nachmittag an diesem Stand verbracht). Für die Vegetarier gab es eine tolle Antipasti-Auswahl zu probieren.

In der Mitte des Rasens war ein Getränke-Carré aufgebaut. Dort gab es erlesene Tropfen der beiden Weingüter Bürklin-Wolf und Zimmermann und von der Obstbrennerei Räch. Sehr beliebt bei dem tollen Wetter war auch die Wasserbar. Als Alternative zum Wachwerden bot das Cafe Schellack eine Reihe von Kaffeespezialitäten an, begleitet von leckeren Stückchen Schokoladen- und Rhabarberkuchen. Für den optischen Genuss bekam man am Stand von Iris Diehl hübsch gebundene Blumenbouquets. Und fürs Hörvergnügen ging eine „Marching Band“ mit Trompeter, Posaunist, Tubaspieler und zwei Trommlern durch den Garten.

Das protestantisch geprägte Stadtkind in mir staunte Bauklötze angesichts von so viel Großzügigkeit. Die Organisatoren, übrigens miteinander befreundete Familienbetriebe, verstehen die Sommerliche Begegnung als Leistungsschau für ihre Kunden. Gleichsam ein riesiges Werbegeschenk für die Wachenheimer. Da sage ich ein ganz herzliches Dankeschön!

Die Veranstaltung findet alle zwei Jahre statt. Die ersten fünf Durchgänge lagen in den Sommerferien. Da sich für diese Zeit in einer der Familien Nachwuchs angesagt hat, wich man auf Fronleichnam aus. Wie gut, dass rechtzeitig das schöne Wetter zurückgekehrt ist!

So kam auch das tolle Ambiente der Diehl’schen und Bürklin-Wolf’schen Gärten voll zur Geltung. Und was die Veranstaltung endgültig zu einem einfach wundervollen Nachmittag machte waren die Gäste. Wie so oft in Wachenheim waren sehr viele sehr nette Leute zusammengekommen.  Es war wie ein großes, fröhliches Gartenfest. Kleine Gruppen waren in lebhafte Gespräche vertieft. Ein paar Familien mit Babys lagerten im Schatten der Bäume. Am Schwimmbecken saßen fünf kleine Mädchen, aufgereiht wie die Perlen an einer Schnur, und ließen ihre Beine ins Wasser baumeln. So schön kann der Sommer sein!

Der Kirschbrand der Wachenheimer Brennerei Räch darf sich ganz offiziell „Edelbrand des Jahres“ nennen. Gut, das Destillat wird wohl kaum allzu viel über sich selbst sprechen. Auch, wenn es sich bei den internationalen Edelbrandmeisterschaften gegen 183 andere Schnäpse aus 15 Ländern durchsetzen konnte. Der Durchsatz bei den Testern muss gewaltig gewesen sein.

Während ich mir einen Kirschedelbrand noch lecker vorstelle, bin ich bei anderen prämierten Hochprozentern skeptischer: Rote Rüben oder Steinpilz wären jetzt nicht auf Anhieb die Zutaten der Wahl für mich. Und wie soll ich mir den Goldmedaillengewinner aus Weisenheim vorstellen? Holzfassgereifter Zigarrenbrand!? Kann man machen. Irgendwie ökonomisch. Statt Schnaps zur Zigarre trinkt man die Barrique-Zigarre gleich als Schnaps. Und dabei wusste ich gar nicht, dass Zigarren in Holzfässern reifen.

Vielleicht doch lieber Kirschbrand. Glückwunsch an die Brennerei Räch!