Es war an einem Sonntagnachmittag im März vor drei Jahren als das Leben dreier Kinder aus Wachenheim zertrümmert wurde.

Zertrümmert wie die Halswirbelsäule ihrer Mutter bei diesem schlimmen Unfall vor drei Jahren, bei dem sich das Auto überschlug, in dem auch noch zwei der Kinder selbst saßen. Zwei Kinder, die sahen, wie Ihre Mutter blutüberströmt eingeklemmt war, wie sie aus dem Wagen herausgeschnitten wurde.

Den dreien wurde dann noch etwas mehr aufgefrachtet. Der Unfall passierte in einem fremden Land, die Mama war fortan vom 4. Halswirbel an querschnittsgelähmt und kämpfte 4 Wochen um Ihr Leben. Die Kinder bekamen mit, wie bei Ihrer Mutter die Lage von Tag zu Tag schlechter wurde. Wie sie mehrfach operiert werden musste. Wie sie einen Lungenschock bekam, wie der Papa immer verzweifelter wurde. Das letzte Bild, das sie von ihrer Mama haben, wird immer das Bild einer Geschundenen sein, die bewegungsunfähig und mit einer Luftröhrenbeatmung in einem Bett einer Intensivstation eines Hospitals im südamerikanischen Niemandsland lag. Und die nur noch flüstern konnte. Das letzte Flüstern was diese Kinder von ihrer Mama hörten, war ‚Ich hab Dich lieb!‘

Nach diesem Flüstern wurden die Kinder weggebracht, nach Deutschland, der Opa holte sie ab, Papa musste bei Mama bleiben. Es war dann zwei Wochen später. Bei den Kindern klingelte das Telefon und Papa war dran. Papa, der seinen Kindern sagen musste, dass ihre Mama gestorben war. Per Telefon. Mama ist tot. Per Telefon.

Als Papa dann wieder zu Hause war, brachte er so eine große Holzkiste mit. Da war die Mama drin. Dieses Gefühl werden diese drei Kinder nie wieder vergessen. Da steht eine Holzkiste und da soll Mama drin sein? Schläft die, wie sieht sie aus? Aber da Mama nicht mehr wie früher aussah, durften die Kinder nicht von Mama Abschied nehmen, zumindest konnten sie sie nicht mehr sehen.

Die Holzkiste, die da aus fernen Landen kam, war nicht sehr schön. Und so begannen die Kinder, ach ja 5, 8 und 11 Jahre alt, die Größe zu zeigen und zu benutzen, die ihre Mutter ihnen mitgegeben hat. Sie gingen in dieses Geschäft in Bad Dürkheim, mit Papa und suchten eine neue Kiste aus. Sie bereiteten dann mit Ihrem Papa das große Abschiednehmen vor. Sie wussten sehr gut, was ihrer Mama gefallen hatte, und so bereiteten sie Ihr das Bett für die Ewigkeit. Der Kleine saß beim Abschiednehmen Papa auf der Schulter, als dieser die Abschiedsworte sprach. Sie gingen dann mit der Holzkiste und Papa zu diesem Erdbett, ohne alle anderen Leute, die bei diesem Abschiednehmen anwesend waren. Sie setzten sich an das Loch. Der große spielte dabei Gitarre und die drei und der Papa sangen Mama dieses Schlaflied in ihrer Muttersprache, das Mama so geliebt hatte. Und  entließen Mama in die Erinnerung.

Da waren die drei nun. Mama war eine Erinnerung. Sie waren von dieser dunklen und furchtbaren Traurigkeit erfüllt. Der Papa, der war auch keine große Stütze. Der war ja genauso traurig. Und der hatte soviel um die Ohren.

Der Kleine der musste dann in die Schule gehen. 1. Klasse. Einschulung. In der Kirche waren alle anderen Schulanfänger. Mit Mama und Papa. Nur er ohne Mama. Das in der Schule, na ja. Er hat nicht so richtig verstanden, warum er ausgerechnet jetzt Lesen, Schreiben und Rechnen lernen sollte. Er wollte doch nur Kind und klein sein. So wie es war, als Mama noch da war. Das war für alle etwas schwierig, insbesondere für die Lehrerin, aber was ist deren Ärger verglichen mit dem Paket, was dieser Bube zu tragen hatte. Dieser Kleine aber hat einen Spitznamen. Dieser Spitznamen ist der Spitzname eines Mannes, der aus dem gleichen Land kam, wie die Mutter des Kleinen. Dieser Spitzname steht für Unbeugsamkeit und Wille. Und manchmal ist ein Nomen doch Omen. Mit dieser Unbeugsamkeit und diesem unglaublichen Willen ist dieser Junge jetzt im Alter von 8 Jahren ein fröhliches und starkes Kind, das zwar noch immer seine Umwelt am laufen hält aber er ist wieder Kind. Ein Kind das 8 Jahre alt ist. Körperlich und geistig.

Die Kleine, die Ihrer Mutter so sehr ähnelt. Das macht sie sehr stolz, aber manchmal nervt sie das auch ein bisschen. Aber sie ist die ganz starke. Ihre Mama ging auf so eine Schule, die ein bisschen anders ist als die normale Schule. Dort gibt es viel Musikunterricht, so eine Art Tanzunterricht, Handarbeit. Sie ist auf so eine Schule gewechselt. Und sie marschiert. Sie hat gelernt Cello zu spielen, sie spielt Basketball. Am Anfang hatte sie Angst einzuschlafen, da musste Sie immer weinen. Aber irgendwann hat Papa angefangen vorzulesen. Geschichten, die mit Kindern zu tun hatten. Kinder deren Mama auch gestorben war, Geschichten in denen Kinder starben, Geschichten aus denen man lernen konnte. Nicht lernen, nicht traurig zu sein. Aber lernen, dass man traurig sein muss, damit die Traurigkeit vorbeigeht. Dass es Tränen gibt, die böse sind und dass es Tränen gibt, die gut sind. Nun sie hat viele gute Tränen geweint, meistens leise, so dass es der Papa nicht sehen und hören sollte. Aber egal. Auch bei Ihr ist der Nomen Omen, und Sie leuchtet wieder wie ein Licht.

Der Große. Hat einen Namen, der genau das bedeutet. Er hatte, da er der Große war und ist, immer viel zu tragen. Da auch sein Papa ihn als groß ansah und manchmal vergaß, dass er erst 11 Jahre alt war. Er musste sich viele Dinge anhören, die nicht so schön waren, aber er wollte das auch. Er wollte wissen. Und er bekam das Wissen. Und er machte seinen Weg auf die eigene Art. Wenn man seinen eigenen Ansprüchen genügt, ist man meist ein glücklicher Mensch. Und der Große setzte und setzt viel Energie ein, um seine Ansprüche zu erfüllen. Manchmal war es für Ihn schwierig über Gefühle zu reden, aber er hat gelernt, sie zuzulassen und zu zeigen. Und zu akzeptieren. Das hat den Kleinen gross gemacht. Aber so groß ist nicht gut für einen noch nicht Großen, weil man muss doch trotzdem ein Kind sein. Und so schnappte er sich die Gitarre, den Fußball, die Schulbücher und ein paar Freunde und machte sich auf den Weg. Und er ist angekommen in seiner Zeit, in seinem Alter.

Seit einiger Zeit hat Papa nun ein neues Leben und somit werden auch die drei Kinder ein ganz neues Leben haben. Und dieses Leben kann nur geführt werden und sein, weil es diese drei Kinder gibt. Die Kinder, die ihren Vater gestützt haben und stützen. Die ihm mit Ihrem Charakter und Ihrer Stärke, die manchmal sehr unangenehm für ihn waren und sind, selbst Stärke vermittelt haben.

Stärke sich als Kapitän einer Mannschaft aus Vieren zu behaupten, die die Vergangenheit im Herzen trägt und die Zukunft optimistisch annimmt.

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Das wird jetzt ein trauriger Blogbeitrag: Diego Alaimo, der Besitzer der Wachenheimer Eisdiele, ist tot. Die Nachricht hat uns sehr betroffen gemacht.

In unserer Familie war er eigentlich nur unter dem Namen seines kleinen Cafés bekannt: Angelo. Das passte aber auch zu gut. Schließlich hat er den Wachenheimern himmlischen Eisgenuss beschert. Außerdem hat der freundliche weißhaarige Herr stets mit Engelsgeduld abgewartet, bis sich unsere Mädels für eine seiner leckeren Eissorten (oder auch zwei) entschieden hatten. 

Ich weiß gar nicht, ob er sich vorstellen konnte, welchen Effekt die bloße Nennung seines „Künstlernamens“ auf Wachenheimer Kinder hat.  Wenn der Sonntagnachmittag sich mal wieder zieht wie Kaugummi, dann bringt das magische Wort „Angelo“ unsere Mädels zum Strahlen – und in Bewegung. Im vergangenen Sommer motivierte die Aussicht auf ein Eis beim Angelo unsere Jüngste zu ihrer ersten Mini-Wanderung ganz ohne Buggy. An dem Tag war der Chef im Laden, und unsere Kleine erzählte ihm stolz, dass sie den ganzen Weg quer durch den Ort gelaufen sei. Ich bilde mir ein, dass er ihr dafür eine extra große Eiskugel gegeben hat. Mir hat mein Eis an dem Tag jedenfalls auch besonders gut geschmeckt.

Mein Mitgefühl gilt jetzt der Familie von Herrn Alaimo. Wir werden ihn vermissen, und ich bin mir sicher, dass die Erinnerung an ihn in ganz vielen Wachenheimer Herzen wachgehalten wird.

Für Verena und Max und Luz und Ché

Trost findet man im Himmel.

Auf der Erde erwartet man Beistand.

Danke all denen, die in den letzten beiden Jahren diesen geleistet haben und dazu beitrugen, dass es Equipo de 4 schon so gut geht, wie es heute der Fall ist. Ohne dass wir je vergessen haben, was Verena für uns gewesen ist und immer sein wird.

Und Dank all denen, die verstehen, dass wir weiterhin Beistand brauchen und auch weiterhin bei uns stehen werden.

Frank Mehlmer

Hallo anderes Leben!

Es war vor zwei Jahren auf den Tag, als du anfingst dich langsam zu verabschieden. Wobei langsam relativ zu betrachten ist. Du hast dir schon einen Abschied mit  Tragik und einer dramatischen Note gewählt, die ich so von dir bis dato nicht kannte, aber jetzt kann ich zumindest sagen, dass ich ein Mensch geworden bin, dem nichts menschliches fremd scheint.

Diese letzte Umarmung, da haben wir uns nochmal so richtig Zeit genommen. Innig und bittersüss, voller Zärtlichkeit und Liebe, da wir gleich wussten, irgendwo im Innern, dass es ein Abschied für immer war. Logisch, man will es, wenn es soweit ist, nicht wahrhaben, oder kann es vielleicht auch nicht und wir haben verzweifelt gemeinsam umeinander gekämpft. Um uns und um die anderen kleinen Leben, die wir schon in die Endlichkeit gesetzt haben. Ich wollte mit aller Macht das halten, was du mir gegeben hast. Und doch warst du, wie immer konsequenter als ich. Als du merktest, dass du mir all die Kraft gegeben hattest, die dir innewohnte und ich bereit war, hast du mir dein Herz gegeben. Ich habe das gespürt während ich dich umarmte, da es bei dir aufhörte zu schlagen und mein Herzschlag wurde stärker. Musste er ja auch, denn ich muss ja jetzt viele Dinge, die Du mir gabst, mein liebes Leben, alleine machen. Und ich muss deinen Auftrag erfüllen und darf das Vertrauen, das du mit deinem Abschied in mich gesetzt hast, nicht enttäuschen.

Weisst du, ich glaube ich bin auf einem guten Weg, auch wenn der sehr steil und steinig ist. Und mit den kleinen Leben auf den Schultern den Berg hochzugehen, geht ganz schön in die Beine. So sehr, dass ich manchmal richtig in die Knie gehe. Dann brennen meine Muskeln und die Schritte werden schwer und die Kraft unserer beider Herzen scheint nicht auszureichen.

Da du mir aber viel zutraust, hast du ja nicht nur Herz und Vertrauen gegeben. Sondern du hast in deiner Weitsicht dafür gesorgt, dass noch ein anderes Leben dazugekommen ist. Ein reines Leben, so wie du eines warst. Eines das ein Leuchten in sich trägt, eines das dir so ähnlich ist, und doch so verschieden wie es nur möglich sein kann. Jetzt habe ich nämlich zwei Lichter, die mich führen. Eines, das aus der Vergangenheit strahlt und eines, das mir den zukünftigen Weg leuchtet. Und Licht hat ja die Angewohnheit zu wärmen. Deshalb friert mich auch nicht bei dem Gedanken, wie weit der Weg noch sein muss und meine Beine verlieren die Schwere.

Mein liebes vergangenes Leben, es war schön heute mit dir so intensiv gesprochen zu haben und ich danke Dir, dass du mich trotz des Abschieds, immer mal wieder besuchst und mit mir redest. Ich richte auch gerne deine Grüsse an das neue Leben aus und soll dich auch ganz herzlich von diesem zurückgrüssen. Weisst Du, viele sagen, es hätte dich gar nicht nicht in der Form gegeben, weil ja dieses neue Leben schon da ist oder überhaupt gekommen ist. Man hätte doch nur ein Leben. Aber die haben keine Ahnung, denn die wissen ja nicht, was wir wissen, und was wir uns bei unserem Abschied versprochen haben, denn das Herz hat eine Sache, die viele gar nicht wissen. Es schlägt nicht nur, nein!

Man kann sogar damit sehen. Das wahre Leben!