Nicht alle Wachtenblogger hat’s erwischt – das hoffe ich jedenfalls. Meinen Angetrauten und mich hat die Grippewelle aber voll getroffen. Darum entgeht uns heute Abend die Stadtratssitzung. Schade, denn die Tagesordnung hat – vielleicht der Jahreszeit geschuldet – hohes komödiantisches Potenzial. Will doch die FWG sämtliche Beschlüsse zum Dauer-Streitthema Lebensmittelmarkt anulieren und alle Ratsmitglieder auf Befangenheit prüfen lassen.

Waren Wachtenblog-Leser als Zuschauer (oder vielleicht auch Ratsmitglieder) dabei? Wie ist der Abend gelaufen? Wir bitten um Kommentare!

Advertisements

Einerseits freue ich mich über die mittlerweile 20 Kommentare zum Blogbeitrag „Verbandsgemeinderat – Absurdität erreicht neuen Höhepunkt„. Andererseits fällt es mir schwer, die Kommentare von Boris Morell stehen zu lassen. Seine Einwürfe halte ich für sachlich vollkommen falsch (und besonders bei dem, was sich auf die Verbandsgemeinderatssitzung bezieht, als eine verkehrte, z. T. komplett verdrehte Beschreibung der Ereignisse). Das ist aber bei seinen Kommentaren nichts Neues. Auch die unlogische Argumentation (z. B. beklagt er sich mit extrem polemischen Kommentaren über angebliche Polemik der politischen Gegner) bin ich von ihm gewohnt. Eine neue Qualität aber haben  die persönlichen, namentlichen Angriffe auf politische Gegner mittels falscher Behauptungen in seinen Kommentaren erreicht. Das verstößt zum einen gegen unsere Hausregel, die Mobbing und Rufmord im Wachtenblog ausschließt. Noch schwerer wiegt, dass hier die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten sein könnten. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum – online gelten dieselben Regeln und Gesetze wie offline.

Das Grundgesetz (Artikel 5 I, präzisiert durch Urteile des Bundeverfassungsgerichts) definieren Äußerungen als Meinungen, wenn sie durch das „Element der Stellungnahme, des Dafürhaltens, des Meinens im Rahmen einer geistigen Auseinandersetzung“ geprägt sind, ohne dass es auf den Wert, die Richtigkeit oder die Vernünftigkeit der Äußerung ankommt.“ Das heißt, jeder noch so dämliche, aggressive oder absurde öffentliche Beitrag ist – wenn er als subjektive Sichtweise gekennzeichnet ist – zunächst einmal von der Meinungsfreiheit geschützt.

In meinen Blogbeiträgen achte ich darauf, dass die Inhalte, die nicht objektiv beobachtbare Tatsachen beschreiben, sondern meine subjektiven Bewertungen, Vermutungen oder Analysen darstellen, auch als Meinung  erkennbar sind. Nicht vorranging weil ich juristischen Ärger vermeiden möchte, sondern weil ich es für anständig halte und es so auch in meiner beruflichen Ausbildung gelernt habe. Boris Morell stellt in seinen Kommentaren immer wieder seine eigene Meinung (die sich oft signifikant nicht nur von meiner Meinung, sondern auch von der Ansicht der allermeisten anderen Kommentatoren unterscheidet) als Tatsachen dar. Das ärgert mich beim Lesen häufiger, aber bisher bin ich nicht eingeschritten, weil ich die Absurdität für offentsichtlich erkennbar hielt und den Lesern zutraue, aus Stil und Inhalt seiner Beiträge vernünftige Schlüsse zu ziehen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das auch bei den Lesern funktioniert, die „von außen“ in den Wachtenblog schauen und weder alle politischen Akteure noch die Vorgeschichte der Wachenheimer Grabenkämpfe kennen. Eventuell sind also schon durch die falschen sachlichen Behauptungen die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten. Zum Beispiel schreibt Boris Morell, dass Ratsmitglieder einige Bürger, nämlich die Mitglieder der Bürgerinitiative,  direkt beileidigt hätten. Ich war auf der Sitzung und weiß, dass sich die von ihm angegriffenen Personen nicht so wie von ihm beschrieben verhalten haben.

Eine weitere Grenze hat der Gesetzgeber gezogen. Im 2. Absatz des 5. Grundgesetz-Artikels heißt es „Diese Rechte [Meinungsfreiheit] finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze,den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Der Schutz der persönlichen Ehre ist als Teil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 823 – definiert Schadensersatzpflicht) und im Strafgesetzbuch (§§ 185 ff – Strafmaß für Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede sowie interessanterweise in einem separaten Paragraphen Üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens ) geregelt.

Zur üblen Nachrede heißt es in $ 186 StGB: „Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Auf den Webseiten der Berliner Anwaltskanzlei Böhm (spezialisiert auf Wirtschafts- und Medienrecht) findet man eine gute Übersicht, wie der Schutz der persönlichen Ehre von der Rechtsprechung verstanden wird. Unter „Ehrverletzende Meinungen“ steht da: „Bei Meinungsäußerungen ist wegen der Meinungsfreiheit des Art. 5 GG Zurückhaltung zu üben. So muss ein Betroffener auch scharfe, zugespitzte Kritik und die damit verbundenen Wertungen hinnehmen. Werden satirische Äußerungen getätigt, sind auch diese weitestgehend von der Meinungsfreiheit gedeckt und damit zulässig. Ehrschutz über das Allgemeine Persönlichkeitsrecht kommt nur ausnahmsweise in Betracht. Unzulässig ist insoweit die Schmähkritik, Formalbeleidigung und die Erwähnung in ehrverletzendem Zusammenhang. Bei der Schmähkritik handelt es sich um eine Kritikform, bei der nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht (BVerfG, 25.02.93, 1 BvR 153/93 – Böll).“

Wenn ich die Gesetze und die Informationen der Anwälte richtig verstehe, dann enthalten die Kommentare von Boris Morell an vielen Stellen Schmähkritik (vorrangig ist nicht eine Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Personen) und üble Nachrede.

Da wir im Wachtenblog keine öffentliche Plattform für Rechtsbruch bieten wollen, haben wir im erstem Kommentar schon an den Stellen, die nach unserem Verständnis eindeutig das Persönlichkeitsrecht seiner politischen Gegner verletzen, die Namen der Betroffenen entfernt. Dabei handelte es sich nicht wie von Morell unterstellt um Zensur, also um Kontrolle oder Unterdrückung von (politischen) Meinungen. Wenn das unser Anliegen wäre, hätten wir den Kommentar komplett herausgenommen. Vielmehr wollten wir dadurch die Folgen der von uns vermuteten Schmähkritik und üblen Nachrede für die betroffenen Personen mildern.

Wenn die Kommentare von Boris Morell strafrechtlich relevant wären, hätte das übrigens eine gewisse Ironie. Letztes Jahr hat der Damals-noch-FWG-Vorsitzende den Wachtenbloggern rechtliche Schritte gegen kritische Beiträge über ihn angedroht. Seine Argumente damals: Wir würden seine Reputation beschädigen, was für ihn als Freiberufler besonders gefährlich sei, und seine Familie würde unter unseren Angriffen leiden. Wer diese Maßstäbe an seine eigenen Kommentare anlegt, könnte sich wundern ob der zweierlei Maß, mit dem er hier misst. Einen Brief von seinem Anwalt haben damals übrigens wirklich bekommen. Was uns darin vorgeworfen wurde? Dass wir kein Impressum hatten. Diesen Fehler haben wir damals umgehend korrigiert.

Auch für die aktuelle rechtliche Fragestellung gilt: Eine etwa einstündige Internet-Recherche, die Grundlage dieses Artikels bildet, kann kein Jurastudium ersetzen. Ich bin daher nicht sicher, ob wir uns im Fall der Kommentare zum Verbandsgemeinde-Artikel richtig verhalten. Zum Beispiel frage ich mich, ob die detaillierte Diskussion über die Eigentümerin des Grundstücks an der Ringstraße, die an mehreren Stellen nicht auf der sachlichen, sondern auf der persönlichen Ebene geführt wird, die Grenzen der Meinungsfreiheit überschreitet. Für fachkundige Hinweise wäre ich sehr dankbar – schließlich wohnen in Wachenheim ja auch  Juristen.

Insgesamt bin ich immer noch überzeugt, dass die Transparenz, die wir im Wachtenblog schaffen, vorteilhaft fürs Gemeinwesen ist. Wir plädieren für pluralistische Meinungsbildung und konstruktive Streitkultur. Den Pluralismus stellen die vielen und kontroversen Kommentare her. Die konstruktive Streitkultur gelingt nicht immer – vor allem nicht in den Kommentaren von Boris Morell. Aber trotzdem – so unangehnem die aggressiven und z. T. beleidigenden öffentliche Diskussion in den Kommentaren ist – jetzt sind diese Vorgänge wenigstens sichtbar. Ich bin sicher, dass solche – und schlimmere – Diskussionen schon lange im nicht-öffentlichen Bereich geführt werden. Die öffentliche Bühne gibt den Bürgern die Möglichkeit, das Verhalten der politischen Akteure zu verfolgen und mit ihren Wahlprogrammen und anderen Schriftstücken zu vergleichen. So lassen sich fundiertere Wahlentscheidungen treffen.

Ganz schön was los im Wachtenblog! Unsere Zugriffszahlen steigen an (vorgestern auf 312, gestern auf 251). Die Artikel zum Supermarkt – bzw. zum Umgang der Politiker mit dem Thema – werden engagiert und kontrovers kommentiert. Damit tut der Wachtenblog gerade mal wieder genau das, was er soll: Die Wachtenblogger machen ihre Sicht der lokalen Entwicklung öffentlich, und andere Bürger tragen ihre Sichtweise bei. So entsteht ein pluralistisches Meinungsbild.

Die Auseinandersetzung läuft hier keineswegs halbanonym, wie Volker Vogt in seinem Kommentar schreibt (Nachtrag 24.02., 23:45 Uhr: Er meinte damit wohl das Internet allgemein). Mit unserer Hausregel, dass Blogger und Kommentierer unter ihrem eigenen Namen agieren, sind wir eine Seltenheit in der deutschen Blogosphere. Ich will mir auch gar nicht vorstellen, welchen Ton wir in manchen Kommentaren hätten, wenn wir auf diese Regel verzichten würden!

Auch so habe ich beim Wachtenblog-Lesen die vergangenen Tage mal wieder gemerkt, dass Transparenz wichtig, aber nicht immer angenehm ist. Es kann halt auch Unschönes zum Vorschein kommen:

Persönliche Angriffe und Unterstellungen

Ich habe überhaupt nichts gegen deutliche Kritik. Franks Beitrag gefällt mir z. B. nicht nur, weil er mir mit seiner Schimpftirade aus dem Herzen gesprochen hat. Ich finde ihn trotz seiner Schärfe auch OK, weil er sich an den Verbandsgemeinderat ingesamt richtet – also nicht gegen einzelne Personen. Insgesamt scheint mir die zunehmende Agressivität der Beiträge ein Zeichen für die allgemeine Frustration ob der verfahrenen Lage. Was ich aber schwer akzeptieren kann sind Kommentare, die sich nicht zur Sache außern, sondern nur persönliche Angriffe auf andere Autoren sind (siehe Beiträge von Karl Auer (Nachtrag 24.02., 23:47 Uhr: diesen Kommentar haben wir inzwischen gelöscht, weil die angegebene Mailadresse nicht existiert. Da hat sich wohl jemand einen Kalauer erlaubt) und Volker Vogt). Wenn hier die Hausregel „kein Mobbing, kein Rufmord“ verletzt wird, müssen wir eingreifen.

Anspruch auf die alleinige Wahrheit

Blogs sind Meinungsmedien und kein Tageszeitungs-Ersatz. Die Artikel und Kommentare spiegeln die Ansichten ihrer Autoren wieder – und das ist gut so. Gerade ein so verzwicktes Thema wir der Supermarkt-Standort ist zu komplex, als dass nur eine Sichtweise richtig sein könnte. Die Wahrheit ist hier die Summe aus vielen einzelnen Perspektiven. Daher finde ich es nicht angebracht, hier von Richtigstellungen zu sprechen (zumal mir zu vielen dieser Behauptungen gleich wieder eine Gegenrede einfallen würde).  Herr Morell, Ihre Meinung ist hier genau so viel wert wie die der anderen Autoren – aber nicht mehr.

Heuchelei

Heuchlerisch ist für mich, wenn man sich in einem Kommentar gegen Unterstellungen, Diffamierungen und aggressiven Ton verwahrt – und gleichzeitig selbst mit diesen Stilmitteln arbeitet (da muss ich leider schon wieder Volker Vogt als bestes Beispiel nennen). Boris Morell macht es umgekehrt: Er fordert Fairness und Sachlichkeit ein – um im selben Kommentar mit Unterstellungen und persönlichen Angriffen zu arbeiten. Widersprüchlich finde ich auch die Bitte von Boris Morell, dass jeder Kommentierer offenlegt, durch welche Listenplätze, Beschäftigungs- oder Verwandtschaftsverhältnisse seine Meinung zum Supermarkt-Standort beeinflusst sein könnte. Schließlich behalten er und ein weiterer Kommentator ihre familiären Bande zum früheren Bürgermeister Arnold Nagel – einem Verfechter des Pfortenstück-Standorts – für sich.

Das Schweigen der Mandatsträger

Manchmal ist auch das interessant, was nicht passiert. Weder die Bürgermeister Torsten Bechtel und Udo Kittelberger noch die Mitglieder von Stadt- oder Verbandsgemeinderat beteiligen sich derzeit an der offenen Diskussion im Wachtenblog. Wie ich aus persönlichen Gesprächen weiß, lesen viele politischen Akteure zwar den Wachtenblog, schreiben aber keine Kommentare. Nur Andreas Berger macht hier regelmäßig eine löbliche Ausnahme. Auch wenn ich manchmal anderer Meinung bin, finde ich seine Beiträge sachlich,  konstruktiv und oft sehr kenntnisreich. Warum beteiligen sich die anderen Fraktionen nicht in ähnlicher Weise? Wer von den Bürgern in ein Amt gewählt wurde und sich – Frank hat die konkreten Worthülsen der Programme neulich aufgelistet – für die öffentliche politische Willensbildung einsetzt, der sollte die transparente Auseinandersetzung im Wachtenblog nicht scheuen.

Wie geht’s weiter? Hier hilft nur Dialog, nicht Diskussion

Verlassen wir mal die Ebene des Wachtenblogs. Irgendwie sollte es ja weitergehen in Wachenheim. Und da müssen wir meiner Meinung nach jetzt den Sprung von der Diskussion zum Dialog schaffen. Die Abgrenzung kommt aus der systemischen Organisationsentwicklung (siehe hier eine kurze Gegenüberstellung und eine längere Erläuterung). Die wichtigsten Unterschiede: Bei der Diskussion vertritt jede(r) seine Meinung. Ziel ist es, möglichst viel davon durchzusetzen. Es geht um Macht, absolute Wahrheiten, um Siegen oder Verlieren. Wie wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, kommen wir beim Thema Supermarkt-Standort mit dieser Methode nicht weiter. Bei einem Dialog steht das gemeinsame Ziel im Vordergrund. Alle Meinungen werden offen gelegt und erstmal nicht bewertet. Dadurch entsteht ein Gesamtbild der Situation. Auf der Basis arbeitet man eine Lösung aus, die entweder von allen (so ein Konsens ist natürlich ideal) oder zumindest von der Mehrheit akzeptiert wird. Dabei steht das Gemeinwohl im Vordergrund, nicht die einzelnen Interessen.

Die von Torsten Bechtel angekündigte Befragung der Bürger geht in diese Richtung, kommt aber meiner Meinung nach zu früh. Natürlich, das Thema ist schon mehr als genügend diskutiert worden. Aber ein Dialog hat eben noch nicht stattgefunden. Dazu könnte man eine Bürgerversammlung organisieren. Die müsste weit im Voraus angekündigt sein, damit möglichst viele Bürger teilnehmen können. Es sollten dort alle Interessenvertreter sprechen: die Fraktionen im Stadt- und Gemeinderat, die Planer, Anwohner, Immobilieneigentümer und ggf. Pächter der verschiedenen Standorte, Vertreter des Supermart-Betreibers Rewe (und ggf. andere Interessenten).

Vielleicht ist statt einer einzigen Veranstaltung auch ein längerer Prozess notwendig. An dessen Ende müssten sich alle Interessenvertreter auf die Alternativen verständigen, die zur Wahl stehen. Zu denen sollten dann die  Bürger befragt werden. Alternativ kann auch schon bei so einem Dialog eine Konsensentscheidung entstehen – aber das wäre in unserem Fall wohl sehr optimistisch.

Brauchen wir einen Bürgermeister oder einen Psychiater?

Die größte Herausforderung ist dabei wahrscheinlich nicht, die Bürgerversammlung oder einen andern Dialogprozess zu organisieren, sondern zu verhindern, dass nur ein Schlagabtausch dabei herauskommt – so wie in Stadt- und Verbandsgemeinderat und jetzt auf dem Wachtenblog . Manchmal glaube ich, unsere Stadt braucht keinen Bürgermeister, sondern einen Psychiater. Und so etwas Ähnliches gibt es sogar: Mediatoren, die auf kommunaler Ebene bei Konflikten als neutrale Vermittler eingeschaltet werden, um zum Konsens zu finden (Info z. B. im Kommunalwiki der Heinrich-Böll-Stiftung).

Auch wenn die Stadt Wachenheim nicht gut bei Kasse ist – das Einschalten eines guten Mediators könnte sich rechnen. Es muss ja nicht gleich Heiner Geißler sein!

Lieber Frank, dies ist ein Kommentar, der so lang wurde, dass ich ihn lieber als Blogbeitrag veröffentliche. Er bezieht sich auf Deinen heutigen Beitrag „Blog und Kommentar“. Ich bin mit dem Artikel in weiten Teilen einverstanden – und überhaupt nicht einverstanden mit dem vorletzten Absatz, in dem Du die Kommentierer ansprichst. Da schreibst Du:

„Unsere Kommentar-Funktion der Seite […] ist nicht als Blog-Ersatz für Personen gedacht, die keinen eigenen Blog […]  haben wollen. Es ist ein Forum zu Themen, die auf dem Wachtenblog diskutiert werden, […]. Dieses System fordert sowohl den Autoren, als auch den Kommentatoren[…] einiges ab, z.B. […] Selbstdisziplin. Die Disziplin zu haben, nicht alles und jeden zu kommentieren, nur damit irgendetwas geschrieben ist. Speziell für uns Autoren, aber auch für alle Beteiligten, sollte das Wort von Dieter Nuhr gelten: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!“

Ich weiß nicht, wie es unseren Lesern geht. Für mich liest sich das wie ein ziemlicher Schuss vor den Bug unserer Kommentierer. Das war, wie ich von Frank weiß, so nicht beabsichtigt. Doch wenn wir Pech haben, dann ist heute dem einen oder der anderen erstmal die Lust vergangen, im Wachtenblog einen Kommentar zu hinterlassen. Das fände ich schade, sehr schade sogar!

Ich bin doch froh, dass wir in den vergangenen Monaten viel mehr Kommentare auf unsere Artikel bekommen habe – und das von vielen verschiedenen Leuten. Das soll bitte so bleiben, denn das genau ist der Unterschied zwischen einem Blog und einer Webseite!

Den hohen Ansprüchen eines Dieter Nuhr würden unsere eigenen Beiträge übrigens auch nicht immer gerecht. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass meine Texte „Neue Wege der Stadtsäckelsanierung“ oder  „Der Fluch der Cordelia“ die Welt wirklich weiter bringen. Manchmal ist der Wachtenblog trivial – und von der Sanierung kommunaler Haushalte habe ich etwa so viel Ahnung wie von Schwarzer Magie.

Wir alle sind hier Amateure und schreiben nach bestem Wissen und Gewissen – und manchmal einfach nur so aus Blödsinn. Das erlauben wir uns, und das sollten wir daher auch unseren Kommentierern zugestehen. Auch wenn wir uns über die Menge der Kommentare beschweren würden, dann würden wir mit Steinen aus dem Glashaus werfen. Schließlich spammen wir bei unseren Live-Blogs die Mailboxen unserer Abonenten gerne mal mit 20 und mehr Nachrichten voll. Und ich war bisher immer positiv überrascht, dass uns deswegen niemand das Abo gekündigt hat.

Gerade habe ich mir unsere Blogstatistik angesehen: fast 300 Zugriffe heute, aber seit Deiner Veröffentlichung kein einziger Leser-Kommentar. Vielleicht sehe ich ja Gespenster, aber für mich fühlt sich das wie eisiges Schweigen an. Mist!

Ironie des Schicksals: Gerade heute wollte ich in einem Blogbeitrag den Rheinpfalz-Artikel aufgreifen, der die Stimmung in der FWG nach dem „FWG im Gespräch“ analysiert. Danach sind nicht nur wir, sondern auch viele FWG-Mitglieder unzufrieden mit dem aggressiven Ton und dem wenig konstruktiven Inhalt des Blattes. Gegenüber der Rheinpfalz hat sich sogar Nicola Räch, die FWG-Vorsitzende im Stadtrat, von dem Heft distanziert. Das fände ich sehr bedenklich, wollte ich bloggen, wenn die Agitation unter Federführung von Boris Morell gerade die Kräfte aus der FWG treibt, die konstruktiv arbeiten und wirklich am Wohl der Stadt interessiert sind.

Ja, und jetzt habe ich mich gerade von einigen Aussagen meines Mitbloggers Frank distanziert.  Geht es also bei uns gerade zu wie in der FWG? Nein, da sehe ich doch eine ganze Reihe von Unterschieden: Erstens würde ich Frank, selbst wenn er in Rage ist, nicht mit der destruktiven Kraft eines Boris Morell vergleichen. Zweitens ist bei uns dreien im Wachtenblog die Meinungsvielfalt Programm, wir verstehen uns gerade deshalb so gut (und anders als Nicola Räch denkt keiner von uns darüber nach, aus dem Team auszusteigen). Drittens habe ich meine Reaktion mit Frank abgestimmt. Und viertens  machen wir unsere internen Meinungsverschiedenheiten aus eigenem Antrieb transparent. Darum laden auch weiterhin unsere Leser dazu ein, ihren Senf dazu zu geben. Also Feuer frei!

Seit einiger Zeit mache ich mir kritische Gedanken über unseren Wachtenblog.“ Unser“ ist hier mit Cordelia, Achim und Frank eingegrenzt. Um Verständnis für meine Gedanken zu wecken, gehe ich mal zu den allerersten Anfängen.

Mein Nachbar Achim und ich hatten vor ca. 5 Jahren zum erstenmal die Idee einer gemeinsamen WebSite, die sich mit all den Dingen in Wachenheim auseinandersetzen sollte, allerdings war da eher eine Art Zeitung angedacht. Wir hatten einen lustigen lateinischen Namen, hatten sogar schon die Seite aktiviert, leider mangels Zeit, ist es uns nicht gelungen die damalige Seite mit Leben und Hirnschmalz zu füllen.

Dann, als wir schon nicht mehr an unser gemeinsames Projekt glaubten, kam unsere bzw. unser, spiritus rex, Cordelia mit der Blog-Idee. Die Zeit war reif, die Technik war reif und wir drei hatten mittlerweile soviel erlebt, dass wir uns mit unserer Idee an die Öffentlichkeit trauten. Zudem ließen uns unsere Kinder abends Zeit, da Sie schon alleine ins Bett gehen konnten, um noch ein paar Ergüsse  zu tippen, oder besser, Ideen umzusetzen.

Besonderer Charme hatte die Blogidee, da sie als Kommunikationsplattform konzipiert war, d.h. mit der größtmöglichen Leserfreiheit zum Kommentar, wir wollen ja in unserem Wachenheim etwas in Bewegung bringen, uns einmischen, andere zum Einmischen motivieren. Bisher gab es, Cordelia weiss das besser als ich, nur zwei Kommentare, die von uns zensiert wurden, und diese wurden bei unserer Mega-Diskussion bezüglich Feminismus, Maskulismus abgegeben und waren so niveaulos und frech, dass wir eingegriffen haben, indem wir diese löschten.

Dies zeigt auch die „Gefahr“, in die wir uns für unseren Blog bewusst begeben. Jeder darf. Jeder kann. Nicht jeder, aber viele wollen, viele, aber nicht Alle, trauen sich. Es gibt kein Sieb, keine Zensur, lediglich, wenn von Kommentatoren allgemeingültige ethische Grundsätze verletzt werden sollten, greifen wir ein. Wir liefern uns und unsere Inhalte dem Leser aus, dem wir verantwortungsvolles Partizipieren unterstellen, zutrauen und zumuten.

Jetzt habe ich darüber geschrieben, was unser Blog ist. Was soll er aber nicht sein?

Für mich ist der Blog keine zu instrumentalisierende Plattform. Was heisst das? Das heisst, siehe meinen Artikel über griechische Geschenke im Vorfeld unseres Live Blogs zum FWG-Fugblatt, dass ich, oder wir, es ablehnen als Trojanisches Pferd benutzt zu werden. Wir legen unsere Meinung dar, wir bringen unsere Sichtweisen, und geben denen Gelegenheit, die sich, zu unseren Blog-Regeln, beteiligen wollen. Explizit sage ich hier, dass wir nicht erwarten, dass unsere Meinungen bestätigt werden sollen, gerade das Gegenteil ist der Fall, wir wollen Vielfalt, wir wollen Diskussionen.

Unsere Kommentar-Funktion der Seite, und das ist der Kern meines Artikels, ist nicht als Blog-Ersatz für Personen gedacht, die keinen eigenen Blog, also Meinungsforum, haben, oder haben wollen. Es ist ein Forum zu Themen, die auf dem Wachtenblog diskutiert werden, und von den Wachtenbloggern sanft moderiert werden, die wiederum das Feedback brauchen, um neue Themen zu finden oder alte  in Erinnerung zu bringen, ein System von Actio und Reactio, im Wechsel. Dieses System fordert sowohl den Autoren, als auch den Kommentatoren, ergo Leser, einiges ab, z.B. den o.g. griechischen Versuchungen zu widerstehen, oder auch Selbstdisziplin. Die Disziplin zu haben, nicht alles und jeden zu kommentieren, nur damit irgendetwas geschrieben ist. Speziell für uns Autoren, aber auch für alle Beteiligten, sollte das Wort von Dieter Nuhr gelten: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!“

Ich bin stolz darauf, und damit auf unsere Leser, dass dieses System bisher ohne Probleme funktioniert und hoffe, dass dies, gerade wegen des Erfolgs des Wachtenblogs, so bleiben wird.

Ich bitte an dieser Stelle um Kommentare…

Ende Januar war ich auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt. Dort hatte ich schon verschiedenen Rednern zugehört, die wort- und zahlenreich begründeten, warum ihr jeweiliges Medium das wichtigste sei – und niemals von Web 2.0-Medien abgelöst werde.

Beim letzten Referenten war ich plötzlich ganz aufmerksam, schrieb frenetisch mit und notierte mir „Wachtenblog“ an den Rand meiner Aufzeichnungen.  Professor Dr. Dr. Franz Josef Radermacher sprach über „Globalisierung, Weltfinanzkrise, Nachhaltigkeit, Kommunikation: Zur Rolle der Medien.“

Radermacher kommt der eigentlich ausgestorbenen Spezies des Universalgelehrten sehr nahe: Der heute 60jährige hat in Mathematik und in Wirtschaftswissenschaften promoviert. Er leitet das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung  und ist zugleich Professor für Informatik an der Universität Ulm. Dort beschäftigt er sich mit Datenbanken und künstlicher Intelligenz. Vor diesem Hintergrund betrachtet er die Menschheit als intelligenten Superorganismus. Und hat sich zu einem der führenden Köpfe in der Diskussion um Nachhaltigkeit und eine gerechtere Globalisierung entwickelt. Er ist Mitglied des Club of Rome und einer der geistigen Väter der Initiative „Global Marshall Plan„.

Wer sich für diese Initiative und das Konzept der Ökosozialen Marktwirtschaft interessiert, dem sei Radermachers Buch „Welt mit Zukunft – Überleben im 21. Jahrhundert“ empfohlen. Habe es gerade am Wochenende ausgelesen, sehr inspirierend. 

Was mich bei Radermachers Vortrag in Frankfurt so elektrisierte war folgende Passage: „Jede politische Partei ist ein Deutungssystem der Realität. Überhaupt deutet jeder das, was in der Welt passiert, aus seinem eigenen System, aus seiner Philosophie heraus. Das tun auch Printmedien: Woche für Woche deuten sie aus ihrer jeweiligen Tradition und Philosophie heraus die Welt. Ich kann das verfolgen, auch wenn ich die Philosophie des jeweiligen Mediums nicht teile. Das Verfolgen mehrerer Printmedien ist die einzige Chance zum Verständnis einer hochkomplexen Welt, zu der wir keinen direkten Zugang haben. Die Welt zu verstehen ist das wichtigste Vehikel, um mit dafür zu sorgen, dass diese Welt in die richtige Richtung läuft.“

Liebe Wachtenblog-Leser, lieber Herr Morell (ja, Ihr Kommentar ist der Anlass, diesen lang geplanten Blogbeitrag zu schreiben. Außerdem habe ich hier auf einige Ihrer Ausagen geantwortet): Der Wachtenblog ist genauso wenig objektiv wie jedes andere Medium. Wir drei sehr unterschiedlichen Menschen (vgl. Franks wunderbaren Artikel!) deuten die Realität vor dem Hintergrund unserer Werte, Erfahrungen und Einstellungen. Das tun wir, weil wir ein kleines Stück mithelfen möchten, die komplexen Geschehnisse in Wachenheim verständlich zu machen. Und ja, damit möchten wir dazu beitragen, dass die kleine Wachenheimer Welt in die Richtung läuft, die wir vor dem Hintergrund unserer Werte, Erfahrungen und Einstellungen für die richtige halten.

Das ist ein großer Anspruch für einen kleinen Blog, ich weiß. Uns war nicht klar, was passieren würde, wenn wir unsere Deutungen der Realität ins große weite  Internet stellen – und nicht einmal aktiv Werbung dafür machen. Die bisherigen Reaktionen lassen vermuten, dass wir nicht komplett daneben liegen.

Wie Achim und Frank schon geschrieben haben: Aus der Summe unterschiedlicher Ansichten – kombiniert mit dem Verstand des jeweiligen Lesers! – ergibt sich das Bild, das der Objektivität am nächsten kommt. Wer sich ein bisschen in der Blogosphäre auskennt, der weiß, dass wir sehr niedrige Hürden für Kommentierer haben. Wir werden weiterhin Ansichten im Wachtenblog begrüßen, die nicht unseren sind.

Wir werden nicht für uns beanspruchen, dass unsere Deutungen die objektive Realität sind. Und skeptisch bleiben gegenüber denjenigen, die es für sich beanspruchen oder von uns einfordern.